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11.09.2010 10:39
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Wie viele Kanus verträgt die Wupper?

Von Stefan M. Kob

Während sich die Wupperflößer auf ihren großen Tag am morgigen Sonntag (Start um 10.10 Uhr ab Wupperhof) vorbereiten, schaut Thomas Becker mit ziemlich gemischten Gefühlen auf das alljährliche bunte Spektakel. Dabei ist der erfolgreiche Kanusportler (viermaliger Weltmeister und Olympia-Dritter 1996) alles andere als ein Gegner von Wassersport auf seinem Heimatfluss - ganz im Gegenteil. Er selbst hat das Paddeln 1978 auf der Wupper erlernt und ist heute als 43-Jähriger Familienvater seit über zehn Jahren erfolgreicher Anbieter von kommerziellen Kanutouren auf dem „bergischen Amazonas“

INFOS

PEGELSTAND Da die kritische Marke von 61 Zentimetern gestern, 12 Uhr, übertroffen wurde, darf die Floßfahrt morgen (10.10 Uhr ab Wupperhof) starten.

AUFLAGEN In diesem Jahr gelten deutlich verschärfte Regeln: die Flöße dürfen nur einen Tiefgang von maximal 30 cm haben. Es dürfen nur 75 Flöße starten, die maximale Personenzahl pro Floß ist auf acht begrenzt. Es dürfen nur Paddel, keine Stangen zum Steuern benutzt werden.

KANUTOUREN Geführte Kanutouren in unserer Region bieten an:

Thomas Becker , www.wupperkanutouren.de, 02 12 / 2 64 27 05

Comes & Nephuth, www.wupperkanu.de, 0 21 75 / 16 76 92

Klaus Rößler,

www.kanu-info.de, Tel. 0 21 75 / 22 52

.

Doch wie lange noch? Das ist die bange Frage, die Thomas Becker umtreibt. Denn er fürchtet, dass Naturschützer und vor allem Anglerverbände die Freizeitpaddler und Kanusportler von der Wupper vertreiben möchten. Und da könnte es durchaus Wasser auf die Mühlen der Gegner sein, wenn der laute Freizeitspaß am morgigen Sonntag trotz hoher Auflagen (siehe Info-Kasten rechts) aus dem Ruder laufen sollte. „Floßfahrer und Bootssportler werden schnell über einen Kamm geschoren“, klagt Becker.

Welche Regeln gelten für Bootssport auf der Wupper?

Der Solinger Kanutouren-Anbieter Becker sieht sich als Vorreiter des sanften Naturtourismus. Er selbst hat schon vor Jahren die Initiative ergriffen und verbindliche Regeln mitentwickelt, um den empfindlichen und durch EU-Vorgaben geschützten Naturraum (FFH-Gebiet) zwischen Müngsten und Opladen vor schädlichen Auswirkungen zu bewahren. Seitdem gelten u.a.: klar definierte Ein- und Ausstiegsplätze, um die Ufer zu schonen; ein Mindestpegelstand von 60 Zentimetern, um die Unterwasserpflanzen und Fischbestände nicht zu schädigen; kein Überfahren empfindlicher Wehre, um die Steine nicht zu bewegen.

Was haben die Angler gegen Bootssport?

Angler sehen durch „massiven Bootsdruck“ ihre mühsam und teuer ausgesetzten Lachs- und Forellenbrütlinge bedroht. „Die liegen regelrecht auf der Lauer, wenn wir mit den Kanus fahren und der Mindestpegel kritisch ist“, klagt Becker. In der Folge hatte er schon drei Anzeigen am Hals. In einem Fall kam es sogar zur Verhandlung, die aber zu seinen Gunsten ausging. Dass er sich vor Gericht wegen Einhaltung von Regeln verantworten muss, die er selbst mit aufgestellt hat, wurmt ihn sichtlich.

Auch Dr. Hermann Neumaier, Vorsitzender der „Fischereigenossenschaft Untere Wupper“, stört der Konflikt zwischen Kanuten und Anglern ungemein, „die Blökerei - auf beiden Seiten - muss aufhören.“ Man habe nichts gegen Kanufahrer - „wenn die Spielregeln eingehalten werden.“ Er wolle „verbindliche und praktikable Regelungen finden, die ein gemeinschaftliches und vernünftiges Miteinander festlegen.“ Dazu gehöre auch die Festlegung einer Höchstzahl von Kanus pro Jahr und Tag.

Was sagen Naturschützer zu Kanutouren?

Naturschützer sehen weniger in den organisierten Touren Gefahren für Fauna und Flora. „Eine Gruppe, die zusammenbleibt, ist da weniger schädlich als viele Freizeitpaddler, die sich unkontrolliert auf dem Fluss bewegen,“ meint beispielsweise Frank Sonnenburg, Diplom-Ökologe der Biologischen Station Mittlere Wupper. Zwar registrieren die Biologen, dass sich die Unterwasserpflanzen derzeit schlecht entwickeln: Von neun Arten fanden sie zuletzt nur noch drei. Doch dass die Kanuten daran Schuld seien, behaupten die Experten nicht. Denn das Phänomen tritt auch außerhalb der befahrenen Strecken auf.

„Es geht nicht darum, Kanufahrten zu verbieten“, sagt Sonnenburg. Derzeit finden an bestimmten Tagen Zählungen der Boote auf der Wupper statt, um eine Datenbasis zu bekommen. Die bisherigen Bootsmengen seien aber eher unkritisch.

Warum ist der Mindestpegel ein Problem?

Mit dem Mindestpegel von 60 cm, gemessen in Opladen, ist das so eine Sache. Seit zwei Jahren beobachtet Becker enorme Schwankungen des Wasserstands. Da können schon mal innerhalb einer Stunde plötzlich zwanzig Zentimeter fehlen. Für die drei hiesigen Tourenanbieter ein riesiges Problem. Bei den Schwankungen kann es durchaus vorkommen, dass der Wasserstand am Abend noch völlig okay ist, am Morgen aber unter die kritische Marke gefallen ist. Planbarkeit von Touren mit 40 und mehr Teilnehmern sieht anders aus.

Die Pressesprecherin des Wupperverbands, Susanne Fischer, bestätigt die Schwankungen - und damit die Nöte der Anbieter. „Das ist nicht optimal gelöst. Ein Mittelwert des Vortags wäre sicher eine gute Idee.“

Warum schwankt der Wupperpegel so stark?

Einige Kanufahrer munkeln, dass dies kein natürliches Phänomen sei. Wird der Wupperstand am Tag bewusst niedrig gehalten? Und warum tritt das seit zwei Jahren verstärkt auf? Susanne Fischer (Wupperverband) führt das auf die beiden letzten, sehr schönen, trockenen Sommer zurück, „bei niedrigem Wasserstand fällt das eher auf.“

Generell werde tatsächlich der Wupper aus den Talsperren mal mehr, mal weniger Wasser zugeführt, „aber nicht schwallmäßig“. Dadurch soll der Wasserstand konstanter gehalten werden: 3,5 Kubikmeter pro Sekunde am Messpunkt Kluser Brücke in Elberfeld ist der Referenzwert. Mit der Frischwasserzufuhr wird die Durchmischung und damit die Wasserqualität besser.

Die Wupper sei nun mal „ein menschlich genutzter Fluss“. Die geklärten Abwässer, die in die Wupper geleitet werden, seien logischerweise nicht zu allen Tages- und Nachtzeiten gleich. Und was an den Wehren und Wasserkraftanlagen unterhalb der Messpunkte geschehe, lasse sich nicht ständig verfolgen.

Sorgt der NRW-Petitionsausschuss für Abhilfe?

Das Thema beschäftigt mittlerweile den Petitionsausschuss des Landes. Er wurde im letzten September von den Anglervereinen angerufen, weil „jede Landschaftsbehörde jeder Stadt an der Wupper etwas anderes zu dem Thema sagt“, so Dr. Hermann Neumaier (Fischereigenossenschaft Untere Wupper).

Im Frühjahr wurde ein „Runder Tisch“ aller Wupper-Beteiligten aus den Anlieger-Städten Solingen, Leverkusen und Rheinisch-Bergischer Kreis zusammengerufen, der zweimal tagte. Danach wurden im kleinen Kreis Regeln erarbeitet, nach denen künftig ge- und verfahren werden soll.

Das Solinger Tageblatt hat Thomas Becker mit der Kamera auf einer Wupperkanutour begleitet. Sehen Sie das Video unter: http://solinger-tageblatt.de.

Welche das sind, darüber hüllen sich die Verantwortlichen in Schweigen. Denn die Vorschläge wurden zunächst an den Petitionsausschuss zurückgeleitet, dem man in seiner Entscheidung nicht vorgreifen will. Wann das sein wird, weiß derzeit niemand. Der Ausschuss muss sich nach der Landtagswahl überhaupt erst konstituieren.

Kanutouren als Tourismus-Magnet

Thomas Becker hofft, dass Kanufahren auf der Wupper weiter möglich sein wird. „Sonst hätte unsere Region, die sich doch so um Touristen bemüht, eine große Attraktion weniger.“ Auftrieb erhalten die kommerziellen Anbieter durch die „Regionale 2010“. Kanusport stelle ein „einzigartiges Naturerlebnis dar“, heißt es da im Projektdossier „WupperWandel“, „Er kann somit eine wichtige Vermittlerrolle übernehmen“. Als Regionale-Projekt baut die Stadt Leichlingen sogar eine Anlegerstelle unterhalb der Postwiese.