VORTRAG Wer sind die „Autonomen Nationalisten“? Ein Fachvortrag über dieNeonazi-Szene heute in der Cobra.
Von Lilian Muscutt
„Autonome Nationalisten – Die Modernisierung neonazistischer Jugendkultur“ lautet der Titel des Vortrags, zu dem das Bündnis „Bunt statt Braun“ heute, 6. Mai, in die Cobra einlädt. Das ST sprach mit Jürgen Peters, Bildungsreferent des „Antirassistischen Bildungsforums Rheinland“ (ABR), Journalist und Mitherausgeber des Buches „Autonome Nationalisten. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“ (Münster 2009).
Wer sind die „Autonomen Nationalisten“? Jürgen Peters:Die „Autonomen Nationalisten“ (AN) sind eine Strömung eines Teils des Neonazismus, der sich seit Mitte der 90er Jahre – quasi als Reaktion auf die damaligen Parteiverbote – nicht mehr in Parteien, sondern parallel zur NPD in „Freien Kameradschaften“ organisiert. Also als vermeintlich informelle Struktur, die weniger anfällig für staatliche Repression ist als Parteien und Vereine. Die AN haben sich ab 2003 herausgebildet. Aufgefallen sind sie dadurch, dass sie bei Aufmärschen in „Schwarzen Blöcken“ auftraten, sich aus der Popkultur bedienten und in Jugendbewegungen wilderten – nicht inhaltlich, sondern in Sachen Symbolik.
Warum? Jürgen Peters: Insbesondere jüngere Neonazis waren auf der Suche nach radikalen Gesten, nach einer zeitgemäßen und „rebellischen“ politischen Ästhetik. Sie wollten nicht verharren bei Latschdemos und dem Regelwerk selbsternannter Führer und erst recht nicht bei der Unterstützung der NPD, die sie als zu wenig revolutionär und als zu bürgerlich ablehnten. Es fand eine eigendymanische Modernisierung der Neonaziszene statt. Die Inhalte waren nicht betroffen, der Nationalsozialismus als positiver Bezugspunkt und das Eintreten für einen „neuen NS“ blieben. Aber bei den AN steht Popkultur höher im Kurs als NS-Nostalgie.
Woran sind „Autonome Nationalisten“ zu erkennen? Jürgen Peters:Wenn sie das nicht wollen, überhaupt nicht. Der „klassische“ Neonazi mit Glatze und Springerstiefel oder alternativ mit HJ-Haarschnitt und Braunhemd, der oft die Titelseiten der Presse „schmückt“, ist kaum noch anzutreffen, bei den AN ist er nahezu ausgestorben. Hier sind eher Basecaps mit Buttons, Piercings und trendige Klamotten angesagt. Manchmal hilft ein Blick auf die Buttons weiter, die nicht selten Aufschluss geben, mit wem man es zu tun hat.
Sind „Autonome Nationalisten“ gewaltbereit? Jürgen Peters: Ja. Das unterscheidet sie zwar nicht von anderen Ausformungen der Neonazi-Szene, aber bei den AN findet eine stärkere Ästhetisierung von Gewalt statt. Die Androhung und Anwendung von Gewalt wird zum Auftrag, zur Selbstvergewisserung, dass man kompromisslos kämpft. Bei den AN gibt es eine starke Feindfixierung. Der Kampf gegen den politischen Gegner – damit ist mitnichten „nur“ die Antifa gemeint – hat einen hohen Stellenwert. Der Angriff von Wuppertaler Neonazis auf eine Filmveranstaltung Ende 2010 ist nur eines von vielen Beispielen. Wo tritt diese Neonazi-Szene besonders in Erscheinung? Jürgen Peters:Die „Autonomen Nationalisten“ sind besonders in urbanen Ballungsräumen anzutreffen, das waren anfangs insbesondere der Raum Berlin und das Ruhrgebiet. Mittlerweile existieren aber auch viele Gruppen in kleineren Städten und vereinzelt auch im ländlichen Raum. Die umtriebigste Szene in NRW ist nach wie vor in Dortmund anzutreffen, aber auch die Szenen in Wuppertal und im Raum Leverkusen sind sehr aktiv.
Warum sollten sich Solinger und Solingerinnen mit diesem Thema beschäftigen? Jürgen Peters:Natürlich fühlen sich auch in Solingen für rechte Inhalte und neonazistische Lebens- und Erlebniswelten empfängliche Jugendliche vom Auftreten der „Autonomen Nationalisten“ angesprochen. Und auch im Raum Solingen gibt es Akteure der AN-Szene, die in die regionalen Strukturen eingebunden sind, zumal Leverkusen und Wuppertal nicht fern sind.
Auch Autonome aus dem linken Spektrum verüben Gewalttaten. Wo sind Gemeinsamkeiten zu den AN , wo die Unterschiede? Jürgen Peters: Die „AN bedienen sich aus dem ästhetisch-stilistischen Repertoire der Autonomen, versuchen diese quasi auf der Erscheinungsebene zu kopieren. Hierbei wird vor keiner Peinlichkeit und Widersprüchlichkeit zurückgeschreckt. Extremismustheoretische Gleichsetzungen sind hier unhaltbar. Sie ignorieren die völlig konträren ideologischen Unterschiede. Und sie ignorieren die Widersprüchlichkeit von Inhalt und Form, in der sich „Autonome Nationalisten“ bewegen. Eine Annäherung zwischen Autonomen und „Autonomen Nationalisten“ findet nicht statt, es bleibt der Versuch der AN, den rebellischen Habitus ihres größten Feindes zu kopieren.