Snippets
Snippets
04.02.2012 09:30
Drucken Vorlesen Senden
Unfallstelle wird zum Trauerort

Von Jörn Tüffers

Jeden Nachmittag das gleiche Bild: Sobald es dämmert, treffen sich an der Oberen Hildener Straße/Bahnstraße Jugendliche. Erst sind es zwei, drei. Weitere stoßen hinzu, stellen Kerzen auf, kümmern sich darum, dass die Kerzen brennen. 20 Schüler sind es fast jeden Abend – und das seit mehr als einer Woche. Auch von der eisigen Kälte lassen sich die um die 14-Jährigen nicht abhalten.

Sie trauern um ihren Freund.

Am Donnerstag vergangener Woche war Tobias (14), den alle nur Tobi nennen, bei einem Verkehrsunfall an dieser Stelle in Ohligs tödlich verunglückt. Nach Erkenntnissen der Polizei war er bei Rot über die Straße gegangen und vom Wagen einer 29-Jährigen erfasst worden. Er erlag kurze Zeit später seinen schweren Kopfverletzungen.

„Du bist der Beste!“ hat einer mit grünem Filzstift geschrieben

Viele Ohligser und andere, die regelmäßig an der Unfallstelle vorbeikommen, beobachten jeden Abend das gleiche Szenario der trauernden Jugendlichen. Die meisten von ihnen sind Schulkameraden von der Friedrich-Albert-Lange-Schule, andere kannten Tobi vom Verein. Er spielte beim OTV Handball. Ein Handball liegt dann auch inmitten der Trauerlichter. Daneben Blumen, teils verwelkte Tulpen, teils frische Topfpflanzen. Zigaretten – auf einer Packung steht: „Wir vermissen dich!“ An einem Laternenmast ein Zettel mit Botschaften: „Du bist der Beste!“ hat einer mit grünem Filzstift draufgeschrieben, „Du bist hilfsbereit“ ein anderer. „Dein Lächeln wird uns fehlen!“ steht auch da.

„Wir halten Totenwache“, sagt einer der Jungen, der sich mit einem Schluck Tee aus einer Thermoskanne wärmt. „Wir sorgen dafür, dass die Kerzen nicht ausgehen werden“, verspricht einer von Tobis Freunden.

Passanten bleiben stehen, manche kommen mit den Jugendlichen ins Gespräch. So wie Birgit Steffen. Am Donnerstagabend hat sie kurzerhand in einem Fast-Food-Lokal Hamburger gekauft und sie den frierenden Jugendlichen gebracht. „Was sie da machen, hat mich unheimlich bewegt“, sagt sie. „Es ist der beste Beweis dafür, dass ihre Generation längst nicht so gleichgültig ist, wie oft behauptet wird.“

Die Umstände für diesen tragischen Unfall werden immer noch untersucht. Auf der Straße waren Ohrstöpsel für ein iPod gefunden worden. Möglich, dass der 14-Jährige Musik hörte und abgelenkt war, als er auf die Fahrbahn trat. Noch nicht ist geklärt, wie schnell die 29-Jährige fuhr, als sie, von der Oberen Hildener Landstraße kommend, in die Bahnstraße Richtung Hauptbahnhof einbog. Gegen sie wird wegen möglicher fahrlässiger Tötung ermittelt. Das ist bei solchen Unfällen üblich.

Sie wollen nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen

Die Polizei setzt bei ihren Ermittlungen auf das Verfahren der digitalen Fotometrie. Es ermöglicht ein besonders genaues Erfassen von Daten. Es kommt immer dann zum Tragen, wenn es darum geht, besonders schwere Verkehrsunfälle aufzuklären.

Die Jugendlichen an der Bahnstraße fragen nicht nach der Ursache für den Unfall. Sie wollen nur, dass nicht jeder sofort wieder zur Tagesordnung übergeht.