WII SPORTS BOWLING Warum im Alter nicht mehr alles so einfach geht wie in der Jugend, lernen Schüler der Gesamtschule Solingen durch einen Anzug.
SENIOREN-BOWLING
SPIELKONSOLE Die Wii ermöglicht aktive Computerspiele, weil Sensoren die Bewegungen der Spieler registrieren. Es werden nicht nur Knöpfe gedrückt: Man bewegt sich, als würde man tanzen oder eben eine Kugel werfen. Meisterschaft Der Verein Lebensherbst ist Sponsor, damit die Meisterschaft in Solingen ausgetragen werden kann.
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Von Björn Boch
Auf einmal ist die Welt da draußen trübe. Es ist auch merklich stiller geworden. Für kurze Zeit kann das ja ganz angenehm sein. Das zusätzliche Gewicht des Anzugs dagegen, das fehlende Gefühl in den Händen und die unbeweglichen Gelenke belasten schon nach wenigen Minuten. Wie furchtbar, muss ein Mensch jeden Tag damit fertig werden. Für den Rest seines Lebens.
Die Jugendlichen der Klasse 9c der Gesamtschule Solingen, 13 bis 14 Jahre alt, sind davon unbelastet. Sie verschwenden noch keine Gedanken ans Alter. Bis sie in diesen Anzug steigen. Denn damit sie schon jetzt hautnah erleben können, dass ein alter Mensch eben nicht mehr so kann wie ein junger, hat das Meyer-Hentschel-Institut die „Age Explorer“ mitgebracht. Ein Anzug, dessen Name übersetzt bedeutet: das Alter erforschen.
Schon das Binden der Schuhe wird im Anzug zum Problem
Der Anzug ist sehr schwer. Weil der Muskelschwund im Alter nicht simulierbar ist, muss die Kraft der Schüler mit deutlich mehr Gewicht fertig werden. Durch Schoner wird die Beweglichkeit ihrer Gelenke eingeschränkt. Wegen der Ohrenschützer hören sie schlechter, ein gelbes Visier trübt die Sicht ein. Dazu kommen Handschuhe für weniger Tastgefühl. Schon das Binden der Schuhe wird so zum Problem.
Die Schüler erforschen das Alter nicht bloß aus Jux. Heute spielen sie gemeinsam mit Senioren im Altencentrum Cronenberger Straße um die Seniorenmeisterschaft im „Wii Sports Bowling“ - Kegeln auf einer Spielkonsole. Gestern waren sie in der Evangelischen Altenhilfe Wald und im Eugen-Maurer-Haus. Klassenlehrerin Elke Gudjons erzählt: „Die Schüler wollen das unbedingt. Sie sind sehr engagiert bei der Sache.“ Und sie sollen schon vorher besser verstehen, warum bei Senioren nicht alles so schnell geht.
„Vergesslich und zu langsam“, „respektlos und desinteressiert“
Das beginnt schon mit der Theorie und dem Nachdenken über Vorurteile. „Senioren sind vergesslich und zu langsam“ - so sehen die Jungen die Alten. „Jugendliche sind respektlos und desinteressiert“ - so glauben die Jungen, gesehen zu werden.
Weil Vorurteile aber eben Vorurteile und keine gerechten Urteile sind, sollen sich die Jugendlichen selbst ein Bild machen von den Senioren in der Stadt. Indem sie mit ihnen spielen. Denn der Kontakt zwischen den Generationen ist gering, die Verwandtschaft mal ausgenommen. Im Alltag gibt es meist nur Knatsch wegen der Sitzplätze im Öffentlichen Nahverkehr.
Josef Kiener und Markus Deindl, Erfinder der Wii-Bowling-Meisterschaft für Senioren und Studenten der Sozialen Arbeit, legen die Regeln fest: „Laut und deutlich sprechen, Texte vorlesen, geduldig sein, Dinge mehr als einmal erklären. Und vor allem Rücksicht nehmen.“
Dann kommt der körperliche Test. Die Schüler spielen ein anderes Wii-Spiel, „Just Dance“ - dabei macht eine virtuelle Figur auf einer Leinwand Bewegungen vor, die nachgeahmt werden müssen. Zuerst wird einfach so getanzt, direkt danach im Anzug „Age Explorer“. Ein Tanz mit Hindernissen. Plötzlich sind die Schüler durch das simulierte Alter eingeschränkt.
„Das war schon echt anstrengend. Die Knie waren so weich, ich dachte, ich klappe gleich zusammen“, sagt Sadik Can Fidan, als er mit hochrotem Kopf aus dem Anzug steigt und froh ist, dass er noch jung sein darf. „Jetzt weiß ich, wie sich die alten Leute fühlen“, sagt Angelika Kania. Die neuen Erkenntnisse sollen nun umgesetzt werden. Damit sich die Generationen besser verstehen.