VERKEHRSSICHERHEIT Uni-Professor glaubt, dass die Zahl der Rotsünder reduziert werden kann.
Das Gespräch führte Jörn Tüffers
Der Unfall, bei dem vor zwei Wochen ein 14-Jähriger tödlich verunglückt ist, hat Fragen aufgeworfen: nach dem Verhalten aller Teilnehmer im Straßenverkehr, nach der Länge von Grünphasen an Ampeln und Tempolimits. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Schüler die Ampel an der Oberen Hildener Landstraße/Bahnstraße bei Rot überquert und war vom Pkw einer 29-Jährigen erfasst worden. Ob die Solingerin zu schnell fuhr, wird untersucht.
Sind Grünphasen an Ampeln zu kurz für Fußgänger?
Jürgen Gerlach: Wichtig ist nicht die Länge der Grünzeit, sondern die Verkürzung der Wartezeit. Das Problem ist, dass lange Wartezeiten von uns nicht akzeptiert werden und es dann Rotläufer gibt. Das senkt die Leistungsfähigkeit, da ich bei verkürzter Umlaufzeit mehr Zwischenzeiten brauche, in denen alle Richtungen gesperrt sind. Ich würde mir aber wünschen, dass wir bessere Vorbilder beim Einhalten der Regeln sind und an stark frequentierten Fußgängerüberquerungen Wartezeiten reduziert werden. Wird Ihrer Ansicht nach genug für den Schutz von Fußgängern getan?
Gerlach: Der generelle Schutz von Fußgängern ist wichtig – gerade bei Überquerungen. Nun sieht die Kreuzung, an der der Unfall passiert ist, in dem Bezug gut aus. Was viel öfter der Fall ist, ist, dass Sichtbeziehungen infolge Parken am Straßenrand nicht vorhanden sind. Da muss etwas passieren. Ansonsten eignen sich Mittelinseln zum Schutz von Fußgängern sehr gut, weil Komplexität reduziert wird.
Würde Tempo 30 in Städten helfen, Unfälle zu verhindern?
Gerlach: Das ist eher nicht die geeignete Wahl. Ich fände es viel wichtiger, wenn wir in Deutschland endlich dazu kämen, dass wie in den skandinavischen Ländern oder den USA die zulässigen Geschwindigkeiten auch eingehalten werden. 50 sollte auch maximal 50 heißen. Da ist wieder Eigenverantwortung gefragt – man kann nicht überall kontrollieren, aber an Unfallhäufungsstellen. Dort – und nur dort – bietet sich dann auch an Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 an.
Wie wirken sich geringere Geschwindigkeiten aus?
Gerlach: Die Senkung der echten gefahrenen Geschwindigkeit um einen Kilometer pro Stunde bringt im Durchschnitt ein bis drei Prozent Reduzierung der schweren Unfälle. Sprich: Wenn es uns gelingt, auf einer Hauptverkehrsstraße, die heute im Schnitt mit 60 km/h befahren wird, die Einhaltung von 50 km/h durchzusetzen, hätten wir etwa 20 Prozent weniger Unfälle.
An der Unfallstelle wurden Ohrstöpsel gefunden. Ihre Meinung zu Musikhören im Straßenverkehr?
Gerlach: Jede Art von Ablenkung ist gefährlich. Und Musik im Ohr ist sehr gefährlich. Da sind alle gefragt, darauf zu achten, dass Aufmerksamkeit vorhanden ist. Das gilt auch fürs Telefonieren.