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22.07.2011 14:03
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Hochbegabung: „Als Kind war ich oft unsicher“

Von Christina Biermann

Tobias Haunhorsts (17) Fantasie scheint grenzenlos. Die Welt erschließt er sich, indem er über sie nachdenkt. So hat es lange gedauert, bis er sich als Kind auf ein Fahrrad traute. Denn bevor er etwas tut, analysiert er das Für und Wider. Es war für ihn schwierig, Ängste zu überwinden, die für die meisten anderen Kinder gar nicht erst vorhanden waren. Über vieles dachte er anders oder über zwei Ecken nach. Das Nachgrübeln führte dazu, dass er als Kind oft unsicher wurde. Manchmal kam es ihm so vor, als spreche er eine andere Sprache. Freundschaften zu knüpfen, fiel dem Jungen schwer. Die Welt rational zu verstehen, war für ihn schon als Kind leicht – die Welt emotional zu interpretieren, schwieriger.

Tobias Haunhorst ist hochbegabt. Diesen Begriff mag der Jugendliche nicht unbedingt: „Es schwingt häufig eine Wertung und Abgrenzung mit“, erklärt er.

Vier bis acht Stunden übt Tobias –
Er möchte Berufsmusiker werden

Die Tür ist doppelt schallisoliert. Auf einer Empore steht ein schwarzer Flügel. Notizen und Notenbücher liegen auf dem Boden. In diesem Zimmer fühlt sich Tobias wohl. Vier bis acht Stunden täglich verbringt er hier, je nachdem wie viel Zeit er hat. Das Klavierspiel ist seine Leidenschaft. „Es kombiniert unterschiedliche Bereiche – Kopf, Seele und Körper“, betont der Jugendliche. „Musik ist zugleich analytisch und emotional. Das gefällt mir.“

In der Schule kann nicht jeder nachvollziehen, dass Tobias so viel Zeit auf das Üben verwendet. An manchen Tagen ist er vom Unterricht freigestellt, um sich auf Wettbewerbe vorzubereiten, die der Jungstudent der Hochschule für Musik Köln/Wuppertal regelmäßig mit großem Erfolg bestreitet. „Man kann niemanden zwingen, das zu verstehen.“

Seine Klassenkameraden sind älter als er. Tobias hat bereits zwei Schulklassen übersprungen. „Es war schwieriger, als ich noch jünger war. Ich habe mich oft etwas ausgesondert gefühlt. Inzwischen komme ich besser mit meinen Mitschülern zurecht.“ In diesen Tagen macht er sein Abitur am Gymnasium Schwertstraße. Auf dem Küchentisch liegt ein kleiner selbstgebastelter Abreißkalender. „Ich zähle die Tage bis zum Abi“, sagt Tobias lachend.

Seine Schulzeit betrachtet er etwas zwiespältig. Aufmerksame Lehrer und spezielle Förderungen unterstützen ihn zwar seit der Grundschule in seinen Begabungen, dennoch wünscht sich Tobias ein durchlässigeres Schulsystem. „Es müsste ohne Rücksicht auf bestimmte Jahrgänge mehr differenziert werden, so dass jedes Kind in seinen individuellen Stärken und Schwächen gefördert und gefordert werden kann. Leider geht es in der Schule häufig nicht mehr um Bildung und die Schüler, sondern um das Erfüllen von Strukturen, die zum Selbstzweck geworden sind.“

Jetzt kann es der 17-Jährige kaum abwarten, sein Musikstudium zu beginnen. Vieles auf dem Weg dahin erscheint ihm ineffizient. „Ich habe Schwierigkeiten, Zeit mit etwas zu verbringen, das mir nicht als effizient erscheint“, erklärt er. Und dann muss er auch los. Er besucht einen Kurs für Entspannungstraining.

Und ist Tobias glücklich? Darüber denkt er eine Weile nach. „Manchmal“, sagt er und grinst: „Das mag aber auch am Alter liegen, unabhängig von irgendeiner Begabung. Ich denke, da geht es mir wie allen.“