LANDTAGSWAHL Sylvia Löhrmann glaubt fest: „Grün geht weiter“. Sie will Ministerin in Düsseldorf bleiben.
Von Fred Lothar Melchior
Sylvia Löhrmann marschiert in den ersten Reihen: Am Demonstrationszug zum 1. Mai nimmt sie so oft teil, wie es der Terminkalender erlaubt. Man kennt sie in Solingen: Einige sehen die stellvertretende Ministerpräsidentin, andere die ehemalige Lehrerin der Gesamtschule an der Wupperstraße. Auch diesmal wird sie von einem früheren Schüler angesprochen.
Aber kennt die Wahlsolingerin die Klingenstadt noch? „Mein lieber Mann“, entfährt es ihr, als sie an der riesigen Baugrube des Einkaufszentrums vorbeikommt. Fünf bis sechs Termine hat die Wahlkämpferin täglich, im Ruhrgebiet wie in der Eifel oder am Rhein. Da bleibt wenig Zeit, durch Solingen zu schlendern.
„Im Moment bin ich froh, wenn ich fünf bis sechs Stunden Schlaf bekomme“, sagt Löhrmann, die sich glücklich schätzt, „nur“ zwei Handys zu haben. „Aber wir fiebern ja. Das ist wie Adrenalin. Es geht darum: Honorieren die Menschen das, wofür wir gearbeitet haben?“
Wofür hat sie gearbeitet? „Ich werde viel auf Schule angesprochen“, berichtet die Ministerin, „beispielsweise auf das Thema Inklusion. Es wird ganz oft gesagt, wir sollen weitermachen.“ Solinger fragen natürlich nach einer besseren Autobahn-Zufahrt und nach Windrad-Standorten. Nach dem Mund redet Sylvia Löhrmann dann niemand: „Ich erläutere, warum wir etwas machen oder gemacht haben. Wind und Sonne etwa brauchen wir.“
„Wir wollten immer schon den ökologischen Umbau“, erinnert sich die gebürtige Essenerin an ihren Einstieg bei den Grünen. „Politik war in meinem eher konservativen Elternhaus stets ein Thema.“ Das Feindbild war klar: Von den „Sozis“ konnte nichts Gutes kommen. „Deshalb musste für mich etwas Neues her. Ich habe von Anfang an grün gewählt.“
Parteimitglied wurde sie 1985 in Solingen. Löhrmann: „Ich habe mir gesagt, wo du sesshaft wirst, da trittst du ein.“ Ihre politische Karriere begann als sachkundige Einwohnerin im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit. Ratsmitglied und Fraktionssprecherin wurde sie 1989. „Von dieser Zeit zehre ich noch. Die ersten Kontakte in der Kommunalpolitik sind prägend.“
Da waren die politische Freundschaft mit Ulrich Uibel (SPD), der Einsatz für die Frauengleichstellungsstelle oder der Schwof mit Walter Freund (FDP): „Alle haben gestaunt, als wir Charleston getanzt haben.“
Zum Tanzen – von Twist über Samba bis zum Wiener Walzer – kommt Sylvia Löhrmann heute seltener. Auf dem Landes-Parkett dreht sie aber weiter Runden, die an die Zeit in der Lokalpolitik angelehnt sind: „Ich gehöre keinem Flügel an. Lagerbildung ist mir fremd.“
Wie vorgezeichnet war die Schrittfolge im eigenen Leben? „Mein Weg zur Berufspolitikerin war überhaupt nicht geplant“, betont Löhrmann. 1995 rückte sie für Bärbel Höhn in den Landtag nach, 1998 wurde sie parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion, 1999 Fraktionssprecherin, 2000 Fraktionsvorsitzende. „Die Profilierung als Person ist im Führungsamt gekommen.“
Seit Juli 2010 ist Löhrmann, die ihr Abitur an einem katholischen Mädchengymnasium ablegte, Ministerin für Schule und Weiterbildung. „Allen Kindern gleiche Chancen“, ist ihre Maxime. „Ergebnisgleichheit ist aber weder das Ziel noch die Lösung.“
„Die Beste für unsere Kinder“ hat selbst keine
„Zwei Drittel der Kinder, die an Gesamtschulen das Abitur geschafft haben, hatten keine Empfehlung zum Gymnasium“, unterstreicht Löhrmann, die seit 25 Jahren GEW-Mitglied ist. Man müsse die „Schätze heben, die in diesen Kindern stecken“.
„Die Beste für unsere Kinder“, so ein Wahlplakat Löhrmanns, ist selbst kinderlos, lebt mit Reiner Daams zusammen. „Ich wollte eigentlich immer welche haben“, antwortet Löhrmann auf die Frage nach Nachwuchs. „Es hat nie gepasst. Jetzt bin ich für 2,8 Millionen Schülerinnen und Schüler verantwortlich.“
Im gesamten Bundesgebiet wären es noch neun Millionen mehr. Aber Sylvia Löhrmann will nicht weg aus Nordrhein-Westfalen, obwohl man ihr einen Sitz im Parteirat avisierte. „Ich habe meine Kontakte zur Bundesebene. Aber ich sage ganz dezidiert: Aus NRW für NRW. Frau Schavan (die Bundesbildungsministerin, d. Red.) hat längst nicht so viel zu gestalten, wie ich gestalten kann.“
Dass sie bei den Grünen im Land eine komfortable Position hat, weiß die 55-Jährige, die immer einstimmig wiedergewählt wurde und zuletzt mit 98,4 Prozent auf Platz 1 der Reserveliste kam. Löhrmann: „Ich bin ein ziemliches Unikat.“
Ein Einzelstück ist die Spitzenkandidatin sicher auch bei ihrer Literaturauswahl. Im Regal der früheren Englisch- und Deutschlehrerin stehen Shakespeare-Bände („grandios“) neben englischsprachigen Gedichten aus dem Ersten Weltkrieg sowie Werken von Heinrich Heine, Christa Wolf und Heinrich Böll. Würde sie selbst ein Buch schreiben? „Ich habe mir Notizen gemacht über die Zeit der Minderheitsregierung“, erläutert Löhrmann. Beweisen müsse sie sich aber nichts: „Ich bilde mir ein, dazu beigetragen zu haben, die Grünen gesellschaftsfähig zu machen.“
An den Slogan „Grün geht weiter“ – auch nach der Landtagswahl – glaubt sie fest, die eine oder andere ruhige Minute darf es aber sein: „Man braucht auch mal Entschleunigung.“ In Solingen etwa lasse sich „durchaus“ einkaufen, schon vor Fertigstellung des neuen Zentrums. Sylvia Löhrmann ist dann manchmal in Ohligs unterwegs.
Wenn es nicht um Mode, sondern um Lebensmittel geht, kehrt sie häufiger mit Zutaten für italienische Vorspeisen zurück. „Daran komme ich nicht vorbei. Da könnte ich mich reinlegen.“