LUANDA Der Ohligser OP-Pfleger MarcoLo Grande gehörte zu einem Medizinerteam, das im Süden Angolas Kinder operierte.
Von Uli Preuss (Text und Foto)
Da, wo in Angola die Minen heute noch heimtückisch schlummern, ist tiefer Urwald. Einen Dschungel, den der Solinger OP-Fachpfleger Marco Lo Grande (44) gottlob nur aus der Luft kennt. Im November war der Mann, den die Patienten in Solingen seit vielen Jahren vor allem als Rettungssanitäter bei den Maltesern kennen, von der angolanischen Küste ins eine Flugstunde entfernte südlich gelegene Benguela geflogen.
Lo Grande, den wir an seinem Arbeitsplatz in der St. Lukas Klinik treffen, ist immer noch voller Eindrücke. Von Lissabon aus ging es als Mitglied eines OP-Teams der Hilfsorganisation Interplast nach Luanda. Die riesige angolanische Hauptstadt boomt und gehört zu den teuersten Städten der Welt, doch ist sie gleichwohl ein Moloch, in dem die Bevölkerung in bitterster Armut lebt. Gegensätze, wo man geht und steht. Da Hunger und Tod, dort teure Boutiquen. „Wir haben eine Privatklinik besichtigt, die war mit den besten Geräten ausgerüstet, die man sich denken kann“, sagt er.
Doch wer in Angola keine Dollar besitzt, könnte sich nie eine Versorgung in so einer Klinik leisten. Auch die riesigen Slums der Stadt werden dem Solinger in Erinnerung bleiben. Grund genug für das deutsche Interplast-Team um den Düsseldorfer Kieferchirurgen Thomas Clasen, dort zu helfen, wo Armut sonst keine Hilfe zulässt.
Clasen, der früher zusammen mit Lo Grande in der Kieferchirurgie der St. Lukas Klinik arbeitete, sah sich mit weiteren Ärzten in der südangolanischen Provinzhauptstadt Benguela mehr als 100 kranke Kinder an, die im Mund- und Kieferbereich sogenannte Lippenkiefergaumenspalten aufwiesen. Ein Leiden, das hierzulande als Hasenscharte bekannt ist und nicht nur optisch eine teuflische Sache ist. Die Kranken leiden an schmerzhaften Entzündungen im Mund-, Gehör- und Rachenraum, oft laufen eingenommene Speisen unkontrolliert wieder aus der Nase.
Während bei uns Kinder mit entsprechenden Anzeichen schon beim ersten Kinderarztbesuch behandelt werden, erfährt die arme Bevölkerung Angolas keine medizinische Versorgung. Dazu kommt, das dererlei Krankheiten dort in den Slums durch Mangelernährung gefördert werden.
Das deutsche Team konnte helfen, auch weil es vor Ort in dem angolanischen Arzt Dr. Rosalino Neto einen Medizinkenner und versierten Ansprechpartner hatte. Rosalino, der sonst mit seinem Verein „Kimbo Liombembwa“ für die Oberhausener Kinderhilfsorganisation Friedensdorf International tätig ist, übersetzte, half und vermittelte. „Besonders beim berüchtigten angolanischen Zoll hat er ein kleines Wunder bewirkt“, sagt der 44-jährige Lo Grande, der im Gepäck teure gespendete Geräte mit sich führte.
In Benguela trafen die Deutschen sogar auf annehmbare Arbeitsbedingungen. Die Chinesen, sonst auch wegen der gewaltigen Bodenschätze im Land präsent, hatten dort sieben Jahre zuvor ein modernes Krankenhaus gebaut. Dessen Einrichtungen konnten die deutschen Mediziner nutzen. „Allerdings waren alle Arbeitsgeräte in chinesischer Sprache beschriftet“, erinnert sich der Pfleger. Auch ein Grund, warum die Geräte von den einheimischen Mitarbeitern gar nicht genutzt wurden. „Sie verstanden es nicht oder waren einfach nie eingewiesen worden“, sagt Lo Grande und erinnert sich an Sterilisationsgeräte, deren Handhabung der Solinger dort schulte.
Der Einsatz soll im Herbst 2012 wiederholt werden
22 Mal operierten die deutschen Helfer und konnten so 22 Kindern im Frühstadium der Fehlbildungen helfen. Für die angolanischen Mediziner vor Ort ein kleines Wunder. Dass eine komplizierte Kieferoperation in ein bis zwei Stunden erledigt sein kann, hatten sie bis dahin nicht erlebt. Mit ein Grund ist wohl auch die angolanische Mentalität, vermutet Lo Grande. „Es geht dort alles langsamer“, erinnert er sich. Was sicher auch mit dem Klima zu tun hat. Der 44-Jährige arbeitete bei 31 Grad Tagestemperatur. „Es war bewölkt, nicht auszudenken, die Sonne hätte auch noch geschienen“, stöhnt er.
Das Team will im Herbst 2012 wieder nach Angola reisen. Aus dem ersten Piloteinsatz will es eine feste Größe im Land machen. Kleine Patienten gibt es genug.