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16.06.2010 10:00
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„Schüler kaschieren ihre Armut“

Von Melissa Wienzek

Da ist der Mann an der Essensausgabe der Schulküche, der einem Schüler noch ein paar Kartoffeln mehr auf den Teller gibt, weil dieser einen anderen mit „durchfüttert“. Da ist das Kind, das mit abgewetzter Kleidung in die Schule kommt und ausgelacht wird. Und da ist die Schule, die beschlossen hat, eine Klassenfahrt ganz zu streichen, weil die Eltern nicht mehr dafür aufkommen können.

Armut bei Kindern zeigt sich in vielen Bereichen des Lebens, am deutlichsten wohl aber in der Schule. Das Zentrum für Eingliederung in Arbeit (Arge) zählt bei seinen derzeit 14 700 Kunden, die Hartz IV oder Sozialhilfe beziehen, rund 4100 Kinder unter 15 Jahren und 700 Heranwachsende im Alter von 15 bis 17 Jahren - das ist fast ein Drittel der Personen, die hilfebedürftig sind.

Vereine und Institutionen setzen sich deshalb gegen Kinderarmut ein (s. unten). Damit sich wenigstens ein Teil der Kinder bei ihrer Einschulung nicht als „arm outen muss“, hat der Kiwanis-Club 50 Tornister mit Erstausstattung im Wert von etwa 10 000 Euro an die Tafel gespendet. Dominic Scherler von den Kiwanis erklärt: „Wir haben einen Rahmenvertrag mit der Firma Scout. Deshalb können wir die Tornister in größeren Mengen abnehmen.“

In den vergangenen Jahren benötigten auch etwa 50 Kinder der Kunden einen Ranzen, erklärt Thomas Niehr, Vorsitzender der Solinger Tafel. „Der Anteil von Familien, die zu uns kommen, wächst.“ 1129 Essens-Karten habe man in diesem Jahr bereits ausgegeben. 1940 Personen, davon 1352 Erwachsene und 588 Kinder, erreichte die Tafel vergangenes Jahr - das sind 10 % mehr als 2008. Tendenz steigend.

Bereits Grundschüler greifen zu Notlügen

Die „Armutskarriere“ beginnt oft schon in der Grundschule. Birgit Weise, Leiterin der Grundschule Westersburg, ist das aufgefallen: „Kinder aus ärmlichen Verhältnissen erkennt man schon am ersten Schultag: Sie kommen entweder nur mit einer Plastiktüte in der Hand oder mit einem fast leeren Schulranzen.“ Oft griffen bereits i-Dötzchen zu Notlügen, um nicht als arm abgestempelt zu werden. „Dann heißt es: ,Ich habe meine Schulsachen zu Hause vergessen‘“, erzählt die Grundschulleiterin.

Eine Situation, die auch Joachim Blümer, Leiter der Theodor-Heuss-Realschule (THS), bekannt vorkommt. „Schüler versuchen, ihre Armut zu kaschieren.“ Die Lehrer der THS bemerkten Armut bei Kindern „an allen Stellen, an denen etwas über das reguläre Maß hinaus geht“. Zum Beispiel bei Klassenfahrten, die laut Blümer in der Regel zwischen 150 und 250 Euro kosten. „Die Anträge auf Zuschüsse haben deutlich zugenommen. “

Ein „ganz sensibler Punkt“ sei das zusätzliche Arbeitsmaterial, berichtet der Realschulleiter. Laut Stadtverwaltung müssen Eltern in der Grundschule bis zu 12 Euro pro Schuljahr für Schulbücher ihrer Kinder zuzahlen, in den weiterführenden Schulen sind es 24 Euro. Von den gesamten Bücherkosten trägt die Stadt einen Zweidrittel-Anteil, die Eltern tragen ein Drittel. Die Kosten für sonstiges Arbeitsmaterial werden von den Schulen festgelegt. Seit vergangenem Jahr gibt es die Aktion „Schultüte“, bei der hilfebedürftige Schüler jährlich am 1. August 100 Euro für Schulmaterial ausgezahlt bekommen. Infos dazu gibt es bei der Arge.

„Wenn mir eine Mutter im Vier-Augen-Gespräch sagt, dass sie die nächste Lektüre nicht bezahlen kann, ist das traurig“, gibt Blümer zu. Deshalb hat die THS einen Fundus von Reservelehrmitteln eingerichtet. Lektüren könnten bei „Notfällen“ auch kostenlos gestellt werden. Ähnlich handhabt es das Humboldtgymnasium: Die Schule hat eine Internet-Tauschbörse für Schulmaterialien organisiert.

Auch die Hauptschule Ohligs bemerkt den traurigen Trend: „Manche Schüler haben zu wenig zu essen dabei“, sagt Leiterin Susanne Cortinovis. Hier hilft „Tischlein deck dich“. Der Verein versorgt mittlerweile 640 Schüler im Stadtgebiet mit einem warmen Mittagessen.