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25.06.2012 10:35
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Olbo - wo nachts Kinder schlafen

Von Uli Preuss

Der Boden ist voller Glassplitter, jeder Schritt knirscht. Es ist stockdunkel in den ehemaligen Werks-hallen auf dem Olbo-Gelände. Wer hier ohne Lampe geht, bricht irgendwann durch den Boden. Löcher tun sich auf. Fehlende Kanaldeckel, von Unbekannten genauso zu Geld gemacht wie die kilometerlangen Kupferstromkabel, deren Ummantelungen für Stolperfallen sorgen. Ein verbotenes Terrain, dennoch sind vor allem Jugendliche hier.

Wir begleiten Sascha Hoffmann, Achim Hardmann und Corinna Steinhausen vom Verein „Aktiv auf der Straße“. Hier in den kahlen Hallen und ein Stockwerk höher in alten Büros leben die, die keine Perspektive mehr zu haben scheinen. Gleich vorweg: In dieser Nacht treffen wir keine der Kinder an, die hier im Alter von 14 bis 17 Jahren auf einer alten Matratze mit klebrigem Toastbrot, Drogen, Alkohol und wärmendem Papierfeuer ihr trauriges Leben fristen.

In der Nacht zuvor war das noch anders. Sascha Hoffmann (23), engagierter Jugend-Rotkreuzler und Vorsitzender, erinnert sich: „Zwei von den vier Jugendlichen, die wir am frühen Morgen hier weckten, gehörten in Solinger Heimeinrichtungen und wurden dort wohl nicht einmal vermisst.“ Andere erzählen ihm, dass sie unlängst einen Streifenwagen demoliert hätten. Gefährlicher Frust pur. Sascha Hoffmann behält das im Kopf, Namen verrät er nicht. Wohl auch deshalb fassen die Kids Vertrauen. Zu den Vorkommnissen schreibt Hoffmann Berichte. Die gehen an die Polizei, an die Jugendbehörde der Stadt und an die Eigentümerin des Olbo-Geländes. Sie alle unterstützen die ehrenamtliche Arbeit. Geld gibt es indes nicht.

KINDER UND ALKOHOL

KOMA 55 Kinder und Jugendliche lagen alleine 2010 zur Ausnüchterung auf der Intensivstation des Klinikums Solingen. BINGE-DRINKING Beim Betäubungstrinken mit Wettbewerbscharakter (Binge-Drinking) fiel ein junger Berliner nach 18 Schnäpsen ins Koma und starb. Info „Aktiv auf der Straße“: hoffmann@drk-solingen.de Info Drogenberatungen: www.judro-solingen.de www.Drugcom.de

Seit zwei Jahren arbeitet der Verein. Hoffmann und Hardmann vom Vorstand sind sozusagen vom Fach, der eine engagiert in der Jugendarbeit und ausgebildeter Sanitäter, der andere als Mitarbeiter des Ordnungsamtes. „Ich kriege viel mit, habe selbst fünf Kinder und drei Enkel, was liegt näher, als gerade hier zu helfen“, sagt Achim Hardmann (54). Mit dabei ist die 18-jährige Schülerin Corinna Steinhausen. Immer am Donnerstag macht sie die halbe Nacht „durch“. Freitags, sagt sie, beginnt der Unterricht in der Geschwister–Scholl–Schule erst zur dritten Stunde. Aus der unscheinbaren Olbo-Tür treten die drei wieder in die Ohligser Nacht, rollen den Stein davor. Ein Zeichen der Kids, dass sie hier alleine sind.

Zwei der Jugendlichen wurden in den Heimen wohl nicht einmal vermisst.

Sascha Hoffmann (23)

Weiter geht es im alten Opel Kombi vom DRK zur Diskothek Getaway. Deren Betreiber Jürgen Ries (54) ist auch Vereinsmitglied. „Sascha übernimmt eine Mittlerrolle, füllt den Platz aus, den wir aus rechtlicher Sicht nicht einnehmen können“, sagt Ries. Dass Kinder sich besaufen, habe es auch zu seiner Zeit gegenen, überlegt er. Indes, das „Warum“ habe sich geändert. „Heute“, sagt der Wirt, „tun es die Kids, um besoffen zu werden.“

„Fabian für Sascha, bitte kommen“, dröhnt es aus dem Funkgerät. Der Türsteher vom „Get“ hat zwei Jugendliche ausgemacht, die sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Eher ein Fall für Helfer als für die Muskelmänner.

„Guten Abend, vorbeugender Jugendschutz“, stellt sich Sascha den Mädchen vor, die auf dem Bordstein sitzen. Beide sind 14 Jahre alt, zeigen bereitwillig ihre Ausweise. Auf der Feier einer Hildener Schule haben sie zuviel getrunken. „Sie werden sowieso gleich abgeholt, sonst würden wir vermitteln“, sagen die Helfer. Unkontrollierbare Kids mit 2,4 Promille hatten die drei schon und einen, der zugeschlagen hat. „Das nehme ich ihm nicht übel“, meint Sascha Hoffmann. Ein Vater, der seine alkoholisierte Tochter abholt, schaut zu den Helfern: „Bei ihnen sollten wir uns alle einmal bedanken“, sagt er.