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04.04.2007 20:38
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Notfall: Morgens operiert, abends abgeholt
Von Steve Przybilla

Samstagmorgen, kurz vor zehn: Sturmklingeln an der Praxistür. Tierarzt Thomas Wendel (48) hat mit der regulären Sprechstunde noch gar nicht begonnen, als sein Tagesplan schon komplett durchkreuzt wird: Vor der Tür steht ein völlig aufgelöster Tierhalter, dessen Hund auf der Platzhofstraße angefahren wurde. Schon beim ersten Blick auf den apathischen Mischlingsrüden steht fest: „Den müssen wir sofort operieren.“

Die geplante Kniescheiben-Luxation des kleinen Maltesers – verschoben. Die Hoden-OP des Rottweilers – hinten angestellt. Der Mischling geht vor.

Tierisch verliebt

„Zuerst müssen wir ihn narkotisieren und ihm ein Beruhigungsmittel verabreichen“, sagt Wendel, der in Hemd und Jeans kaum an einen Mediziner erinnert. Schnell eilt Assistentin Michaela Krabb herbei, um die Erstversorgung des Hundes zu unterstützen. Das Röntgenbild zeigt, die Situation ist ernst: „Wir haben eine offene Fraktur am hinteren Bein“, sagt Tierärztin Anke Wendel, die die weitere Behandlung übernimmt. Ihr Mann widmet sich derweil den Patienten im Wartezimmer. Die Sprechstunde hat gerade begonnen.

Zeitgleich wird Patient „Pascha“ auf den Eingriff vorbereitet. Inzwischen ist klar, dass der 11-jährige Mischling an einer Infektion stürbe, würde man ihn nicht sofort operieren. Auf einer Vakuum-Matratze liegt der betäubte Hund auf dem Rücken. „Damit er nicht vergisst zu atmen, bekommt er einen Maulspreizer“, sagt Anke Wendel und legt die Zunge des Tieres vorsichtig zur Seite. Während im Hintergrund noch Gebell ertönt, ist das Team schon in voller Montur. Zangen, Scheren, Skalpelle und eine Bohrmaschine liegen bereit. Und ein Lötkolben. „Damit verschweißen wir Blutgefäße, die verletzt wordden sind“, erläutert die 46-Jährige, während Paschas verletztes Bein enthaart wird.

„Wir haben pro Tag mindestens einen Eingriff“

Thomas Wendel, Tierarzt

Im grellen Licht der OP-Lampe setzt die Tierärztin zum ersten Schnitt an. Wenig später ist sie bis auf den Knochen vorgedrungen. Mit Schere und Zange setzt sie die Fraktur-Enden wieder aufeinander - das an der Wand hängende Röntgenbild immer im Blick. „Wasser!“, ruft die Tierärztin, und Assistentin Krabb ist mit der Desinfektionsspritze zur Stelle. Sobald die Wunde frei ist, greift Anke Wendel zur Bohrmaschine: Der gebrochene Knochen wird per Metallplatte wieder fixiert. „Chirurgie ist wie ein Handwerk“, erläutert Thomas Wendel, der den Tropf überprüft.

Noch immer warten einige Patienten auf ihre Behandlung, während im Nebenraum bereits ein kleiner Pudel schläft, der ein paar Stunden später operiert werden soll. „Pro Tag haben wir mindestens einen Eingriff, wenn nicht sogar zwei.“

Mit zwei Auszubildenden, einer Helferin sowie einer Praktikantin haben die beiden Tierärzte personell keine großen Spielräume. „Zu tun ist eigentlich immer etwas. Gestern haben sich am späten Abend noch zwei Hunde gebissen. Die können wir dann natürlich nicht einfach wegschicken.“ Auf dem OP-Tisch nähert sich der Eingriff dem Ende. Noch einmal zieht Anke Wendel alle Schrauben fest an, bevor sie Paschas Bein wieder zunäht.

„Ich habe ein Antibiotikum in die Wunde gegeben, das sich langsam auflöst. Jetzt müssen wir den Hund zur Kontrolle noch einmal röntgen.“ Mit vereinten Kräften heben Wendel und ihre Assistentin den Vierbeiner vom Tisch. Nach der Röntgen-Aufnahme verbringt wird Pascha einige Stunden im Aufwachraum.

„Abends können ihn seine Besitzer wieder abholen“, sagt Anke Wendel und lehnt sich zum ersten Mal seit zwei Stunden wieder zurück. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt den Tierärzten aber nicht, denn noch immer wartet der Malteser darauf, dass man seine Kniescheibe richtet.