DEMENZ Die Diagnose Alzheimer wird oft viel zu spät gestellt. Auch Agnes Klein hätte eher Hilfe erhalten können.
Von Susanne Koch
Hauptsache es hilft: Obwohl Marianne Klein (Namen verändert) von sich sagt, dass sie gar nicht singen kann, schmettert sie jetzt mit ihrer Schwiegermutter die ihr vertrauten Weisen. „Schon, wenn ich morgens mit ihr ,Wohlauf in Gottes schöne Welt’ singe, hat das eine beruhigende Wirkung.“
Ihre Schwiegermutter Agnes Klein leidet an Alzheimer. „Zum Glück wohnt meine Mutter im selben Haus wie wir“, sagt Hans Klein. „Alleine lassen könnten wir sie nicht mehr. Aber so ersparen wir ihr so lange wie eben möglich - und hoffentlich auch bis zum Schluss - einen Heimaufenthalt.“ So viel Zeit, wie die Familie der 92-Jährigen widme, könnte in Pflegeheimen gar nicht geleistet werden. Das Ehepaar, ein Bruder und eine gute Bekannte wechseln in der Betreuung der Dame ab.
Kleine motivierende Tricks erleichtern den Umgang
Einfach sei das alles jedoch nicht, es gehe an die Substanz, zu erleben, wie die Mutter sich verändere. „Wir müssen uns immer wieder auf die aktuelle Situation einstellen.“ Inzwischen habe er gelernt, sie zu motivieren. „Ich finde es menschenunwürdig, wenn man Menschen ihrem Schicksal überlässt, sie einfach tun und machen lässt, sie vor sich hindämmern lässt“, betont Hans Klein. „Wenn meine Mutter keine Lust auf den täglichen Spaziergang hat, dann frage ich sie, ob sie mich nicht begleiten könnte“, erzählt er. „Das klappt fast immer. Sie hat sehr schnell vergessen, dass sie es selbst nicht wollte. Für mich als ihren Sohn tut sie es liebend gerne.“ Dieser kleine Trick funktioniere zum Beispiel auch gut beim Arztbesuch.
Im Rückblick waren die ersten Anzeichen der demenziellen Erkrankung bereits 2001 wahrzunehmen. „Da war Mutter 84 Jahre alt und wir haben die Vergesslichkeit und andere Merkwürdigkeiten auf ihr hohes Alter geschoben“, erinnert sich Hans Klein. Beispielsweise hatte sie Sachen verlegt, aber immer andere beschuldigt, sie bestohlen zu haben. „Im Nachhinein weiß ich, dass sie sich mit ihren Geschichten schützen wollte“, sagt Marianne Klein. „Sie wollte die nachlassenden Fähigkeiten vor sich und anderen verbergen.“
Als Bekannte und Nachbarn aber im Jahr 2006 der Mutter begegneten und sie nicht mehr wusste, wie sie nach Hause kommt, habe eine Freundin dann darauf bestanden, dass sie mit der Seniorin zum Arzt gingen. „Wir erfuhren, dass sie unter einer Demenz leidet - Typ Alzheimer.“ Hans und Marianne Klein nutzten anschließend alles, was sie bekommen konnten, um sich zu informieren: über die Krankheit, den Krankheitsverlauf, über die Möglichkeiten, eine würdevolle Beziehung zu der erkrankten Angehörigen aufzubauen und zu erhalten. „Und so sind wir auf das Hilfsangebot der Busch-Stiftung gestoßen“, sagt Hans Klein. „Immer wieder lernen wir bei den Vorträgen neue Aspekte kennen.“ Und auch wenn die Kleins nicht alles eins zu eins umsetzen können, so seien die Tipps und Ideen immer sehr hilfreich. „Wir haben zwar keinen Erinnerungskoffer gepackt“, sagt Marianne Klein. „Aber ich beziehe sie jetzt beispielsweise bei der Hausarbeit ein, beim Kochen oder Wäschefalten. Sie ist anschließend immer stolz und glücklich, wenn sie mir geholfen hat.“ Und beim gemeinsamen Singen falle ihr immer auf, wie textsicher ihre Schwiegermutter sei. Das Langzeitgedächtnis sei ihr da erhaltengeblieben.