BERATUNG Anlaufstelle zur Unterstützung sexuell missbrauchter Kinder und Jugendlicher wird 20. Inzwischen melden sich mehr Jungen.
Immer wieder erleben Katrin Marx und die anderen Mitarbeiter der Anlaufstelle zur Unterstützung sexuell missbrauchter Kinder und Jugendlicher, dass ein bereits mehrfach einschlägig vorbestrafter Täter wieder zugeschlagen hat. „Das ist sehr frustrierend und auch in Solingen überhaupt kein Einzelfall“, sagt Leiterin Katrin Marx. „Heute reagiert die Polizei aber zum Glück anders. Wenn bekannt ist, dass ein Kind Kontakt zu einem vorbestraften Sexualstraftäter hat, werfen das Jugendamt der Stadt sowie die Polizei ein Auge darauf und die Eltern des Kindes werden gewarnt.“
Seit 20 Jahren gibt es die Anlaufstelle in Solingen. Mit ihrer Arbeit begonnen haben die Mitarbeiterinnen in den alten Räumen an der Albrechtstraße. Heute ist die Beratungsstelle an der Brühler Straße 59 ansässig - zusammen mit der Frauenberatungsstelle und den Diensten des Vereins „DiFa“. Auffällige Veränderungen in den letzten Jahren sind, dass zunehmend sexuelle Übergriffe an Kindern durch Kinder und Jugendliche öffentlich werden. Dass sich - besonders durch die im letzten halben Jahr bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an Jungen - mehr männliche Jugendliche trauen, von Vorfällen aus ihrer Kindheit zu berichten. Und dass zunehmend Frauen als Täterinnen gemeldet werden. Dass auch Frauen Kinder missbrauchen - meist Jungen - werde aber noch nicht ernst genug genommen.
Im Schnitt sind es 120 bis 140 Fälle pro Jahr, die in der Einrichtung des Vereins „Frauen helfen Frauen“ gemeldet werden. Eine Dunkelziffer für Solingen ist nicht bekannt. Laut Polizeistatistik werden deutschlandweit jährlich 15 000 Missbrauchsfälle angezeigt. Schätzungen gehen davon aus, dass tatsächlich jährlich über 150 000 Kinder sexuell misshandelt werden. „Missbrauch wird heute eher öffentlich als in unserer Anfangszeit“, sagt Katrin Marx. „Eltern hören genauer hin, wenn Kinder sich äußern, Kinder reden schneller, weil das Missbrauchs-Thema nicht mehr mit einem ganz schweren Tabu belegt ist.“
Zu 75 Prozent findet Missbrauch in der Familie statt
Die jungen Klienten der Beratungsstelle sind zwischen dreieinhalb und Anfang 20. „Wer Glück hat und früh auch gute therapeutische Hilfe bekommt, behält nur eine Narbe von der schrecklichen Tat zurück“, sagt Katrin Marx. „Andere leiden ein ganzes Leben darunter.“
Zu 75 Prozent finde Missbrauch innerhalb der Familie statt. „Kinder, die verwahrlost sind, die Sehnsucht danach haben, dass sich ein Erwachsener um sie kümmert, sind von Fremdtätern leichter verführbar“, sagt sie. „Auch Kinder, die Unsicherheit ausstrahlen.“ Schon im Kindergarten würde Selbstbewusstseins-Training angeboten. „Die Kinder lernen, Nein zu sagen und sich Hilfe zu holen.“ Die Einrichtung wird von der Stadt mit über 150 000 Euro bezuschusst. Ein Manko sei bis heute die Behandlung von Tätern.
Die fünf Mitarbeiter, die sich durch Teilzeitarbeit knapp drei Vollzeitstellen teilen, sind schon viele Jahre dabei. „Nur weil wir ein gutes Team sind, in einer Supervision schwierige Situationen aufarbeiten können und gut für einen Ausgleich sorgen, können wir diese Aufgabe bewältigen.“ Es gebe an Scheußlichkeiten nichts mehr, was Katrin Marx sich nicht vorstellen kann. kc