ZEITZEUGE Die verlorene Jugend des Hansjürgen Fenske - für Jahre verschwand er grundlos im Lager. Als Autor arbeitet er diese Zeit auf.
Von Thomas Kraft
„Lebe ich noch oder bin ich schon tot?“ Hansjürgen Fenske weiß es in diesem finsteren Moment nicht mehr. Die Haft im abgedunkelten Raum macht ihn fertig. Kein Himmel, keine Sonne, keine Luft. Die Fenster der Baracke, in der er und andere Sträflinge dahinvegetieren, sind zugeschmiert. Nur durch einen schmalen Schacht fällt ein dünner Strahl Tageslicht herein.
Die Weicheren unter den Gefangenen halten es nicht lange aus. Sie magern ab, brechen zusammen, werden krank, manche drehen durch. Tote sind an der Tagesordnung in Sachsenhausen. Das Sterben geht weiter wie zuvor im KZ der Nazis. Warum er mit 13 Jahren hier landet, wird Fenske nie erfahren. Eines aber weiß er: Eine Diktatur ist so schlimm wie die andere. Denn wo vor kurzem noch die SS Menschen schikanierte, sind es jetzt die sowjetischen Besatzer der Ostzone. Sie haben das Lager nahtlos umfunktioniert. „Die einen raus, die anderen rein“, sagt Fenske heute. Was bleibt, ist die Grausamkeit des Lageralltags. Mehr als sechs Jahre wird er eingesperrt bleiben. Auf Sachsenhausen folgt ein DDR-Zuchthaus.
Fenske hat sein Trauma zu einem authentischen Roman verdichtet. Zwar wählt er die fiktive Figur Max Olgart als Ich-Erzähler. Aber das hat allein dramaturgische Gründe. So lasse sich aus dem Material der packendere Spannungsbogen entwickeln, sagt der Autor. Er legt Figuren, Erlebnisse und Orte zusammen oder trennt notfalls. „Doch alles ist so passiert.“
„Die Menschen wissen nicht, was im Osten alles passiert ist.“
Hansjürgen Fenske
Zwölf Jahre lang hat der Solinger an der Geschichte gearbeitet, die er eigentlich gar nicht aufschreiben wollte. „Aus Selbstschutz habe ich das Geschehene verdrängt, vergessen und zum Teil auch geleugnet“, erklärt er. Fenske kam nicht zurecht damit, „weil es in der DDR keine Aufarbeitung gab“. Auch nicht in der Familie, die an den Umständen zerbricht. Während Fenske nach der vorzeitigen Entlassung 1951 nur an die Flucht in den Westen denkt, drängen ihn die Eltern zu bleiben. Gegen seinen Willen lenkt er ein. Danach ist das Verhältnis gestört. Neue Wunden für die geschundene Seele.
„Es ist allein meiner Frau zu verdanken, dass ich am Ende aus all dem ein Buch gemacht habe“, sagt der heute 80-Jährige. „Sie hat gebohrt und gedrängt.“ Es ist schließlich die siebte Fassung, die Ende September auf 300 Seiten erschien. Titel: „Wie ich meine Jugend überlebte“.
Drastisch führt der Roman vor Augen, wie ein junger Mensch zwischen die Mühlsteine zweier Unrechtsregime gerät. Das Hitler-Reich mit Krieg und Judenverfolgung zerstört die Kindheit. Die Sowjet-Kommunisten und deren Handlanger in der Ostzone rauben ihm die Jugend. Später prägt die DDR-Diktatur sein Leben – bis Mauerfall und Einheit die Ketten sprengen.
Für Fenske gerät das Schreiben eher zur Tortur als zur Befreiung. Noch einmal durchlebt er die Situationen. Die Verhaftung in der elterlichen Wohnung gleich nach Kriegsende im Herbst 1945 durch die Russen. Verhöre und Folter in den Kellern der Geheimpolizei. Den Prozess und die Verurteilung zu zehn Jahren Lager. „Organisierter Kampf gegen die Sowjetunion“ wird ihm vorgeworfen. Es kann sich nur um einen Irrtum handeln, glaubt Fenske. Doch das ist den Herrschern egal. „Wen wir haben, den lassen wir nicht mehr los“, sagt ihm ein Sowjet-Offizier. Keiner will Zeugen, die über die Zustände in der Ostzone berichten.
„Die Menschen reagieren heute fassungslos, wenn ich ihnen von damals erzähle“, sagt Fenske. „Sie wissen nicht, was im Osten alles passiert ist. Und sie fragen: Wie viel Ungeheuerliches passt eigentlich in ein Leben?“ Allen, die heute die DDR verklären, attestiert Fenske: „Sie haben keine Ahnung.“ Er, der später unter anderem als Lehrer und Kulturdezernent bei Berlin arbeitete, bevor ihn die Liebe 1999 nach Solingen führte, will aufrütteln. „Es ist ein Glück, dass wir heute so leben können. Deshalb sollten wir jeder Überheblichkeit begegnen, der in unserer saturierten Gesellschaft zuweilen zu erkennen ist.“ Denn eine traurige Erkenntnis bleibt für Fenske aus seiner Lagerzeit: „Unrecht wie dieses wird auf der Welt immer wieder geschehen. Wir waren nicht die Ersten, nicht die Einzigen und auch nicht die Letzten.“