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20.02.2012 11:24
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Erst die Kinder, dann Karsai

Von Uli Preuss

Als der rumänische Pilot Marcel Mitu auf Runway 29 die Startfreigabe bekommt, ist der afghanische Staatspräsident Hamid Karsai noch hoch über dem Hindukusch. Unter ihm auf dem Kabul International Airport bereitet man sich fieberhaft auf seine Ankunft nach einem Staatsbesuch in Pakistan vor. Normal ist dann Folgendes: Der Luftraum über Kabul wird für eine Stunde ebenso gesperrt wie die wichtigsten Hauptstraßen der Millionenstadt; Scharfschützen postieren sich auf dem Flughafengebäude, gepanzerte Fahrzeuge stehen bereit, bewaffnete Sicherheitsleute in kugelsicheren Westen beobachten die Passagiere mit Argusaugen, Helikopter schweben ein – nichts geht mehr am Airport.

Kabul erlebt derzeit den
härtesten Winter seit 20 Jahren

Als hätte das Winterwetter nicht schon genug für Spannung gesorgt, sind Captain Mitu und elf tadschikische Friedensdorf-Patienten – aus Duschanbe kommend – genau in die Empfangsvorbereitungen hineingeplatzt. Mitu hat bereits eine Stunde Verspätung und will in Kabul weitere 65 verletzte Kinder an Bord nehmen. Die Zeit drängt, Crew und Helfer müssen abends in Düsseldorf sein. Dort warten auch 18 DRK-Helfer aus Solingen auf die Sondermaschine. Sie haben sich an diesem Karnevalswochenende freiwillig gemeldet und werden die Kinder noch in der Nacht in verschiedene deutsche Krankenhäuser fahren.

Kabul erlebt derweil den härtesten Winter seit 20 Jahren, Temperaturen von 17 Grad unter null sind selbst am Hindukusch ungewöhnlich, und ausgerechnet an diesem Samstagmorgen hat es stark zu schneien begonnen.

Karsai sei Dank: Buchstäblich in letzter Sekunde rollt die Boeing 737 der Air Bucharest zum Start. Minuten später ist Kabul International Airport dicht. Mit einem erleichterten „Thanks, God“ und einem Blick zum schneeverhangenen Himmel drückt Mitu vermutlich als letzter Pilot des Tages die Schubhebel nach vorne. Take off: Der 64. Afghanistaneinsatz der Hilfsorganisation Friedensdorf International, der drei Tage zuvor mit der Rückführung genesener Kinder begonnen hat, wird Stunden später in Düsseldorf ein gutes Ende finden.

Von alledem ahnt um diese Zeit der Solinger DRK-Helfer Timm Passauer nichts. Am Morgen hat er noch Freunden beim Küchentransport geholfen, am Abend wird der 19-Jährige zusammen mit den Sanitätern Robert Westhoven und Lars Schulz zwei verletzte Mädchen in das Hildener St.-Josefs-Krankenhaus fahren. Seine Kameraden von der Burgstraße wollen in dieser Nacht noch Kinder bis nach Celle oder Norden bringen. Tim Passauer fährt bereits seinen achten Hilfseinsatz für das Friedensdorf. „Wissen Sie“, sagt er später in Düsseldorf dem ST-Reporter, „wenn wir den Kindern nicht helfen, wer dann?“

Solche Einsätze laufen in aller Stille ab. Die Friedensdorf-Helfer holen kriegsverletzte Kinder aus Krisenländern wie Afghanistan zur medizinischen Behandlung nach Deutschland; hier werden sie ehrenamtlich in Kliniken in Solingen, Hilden, Haan, Opladen und Wuppertal von Ärzten und Pflegern versorgt.

Die Helfer erleben die Not, die in Kabul unter der Bevölkerung herrscht

Ein faszinierendes, überaus professionelles Zusammenspiel menschlicher Hilfe. Für Krankenhäuser in unserer Region ist es mittlerweile eine Herzensangelegenheit, denen zu helfen, denen sonst niemand helfen will.

Denn wer im Kabuler Stadtteil Pur Atal erlebt, wie verzweifelt die durchweg armen Eltern ihre Kinder den Oberhausener Helfern und dem Kabuler Arzt Dr. Abdul Marouf (52) in den Friedensdorf-Räumen vorstellen, versteht die Not, die dort herrscht. Da kommen Väter aus dem schwer umkämpften Kandahar den gefährlichen Weg nach Kabul, weil ihr Junge oder ihre Tochter schwer verletzt oder lebensbedrohlich erkrankt ist, und sie sich in Afghanistan niemals die Behandlung leisten könnten.

Der Einsatz, der am Samstag zu Ende ging, brachte 88 Kriegskinder in deutsche Kliniken. Zwei Jungen (St. Josef Haan) und zwei Mädchen (St. Josef Hilden) werden in der Region behandelt. In Hilden operiert der Chirurg Dr. Hans Bayer-Helms die Mädchen, die an Knochenentzündung leiden. Sein Eindruck? Der Chefarzt erinnert sich an die Einschulungsfeier seiner Nichte. Da habe man im Gottesdienst gesungen: „Gott hat alle Kinder lieb.“ So ganz, überlegt der vierfache Vater, könne er das angesichts dieser Leiden nicht mehr glauben.

http://www.friedensdorf.de

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