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25.11.2011 00:05
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„Wir leben nicht im Paradies unter Engeln“

Von Susanne Koch

Aktuell empfindet Joachim Gauck nur Ekel für die, die politisch motiviert aus rassistischen und faschistischen Gründen Menschen ermorden und hasserfüllt demokratische Grundrechte zerstören wollen. Das zeigte er gestern Abend auf der Pressekonferenz. Er betonte, dass er „diesen Mördern“ in seiner Rede aber nicht viel Raum geben will. „Zu viel Aufmerksamkeit haben die nicht verdient.“

Freiheit und Demokratie sieht er durch die aktuellen Ereignisse nicht als gefährdet an. „Wir sind stärker“, betonte der Theologe, Bürgerrechtler und Publizist. „Es gibt heute keine Stadt, in der die sich zusammenrotten, in der nicht mehr Demokraten auf die Straße gehen als die Nazis selber mobilisieren können. Und das soll so bleiben.“ Die Demokratie heute sei wehrhafter als die der Weimarer Republik. „Wir haben Demokratie gerade durch die Vergangenheit – im Osten wie im Westen – schmerzhaft erlernen müssen.“

Im Westen wäre Joachim Gauck
sicher ein 68er geworden

Widerwärtig sind ihm bis heute die Greueltaten der Nationalsozialisten im Dritten Reich, die er als junger Mann durch Bücher, Dokumentationen und Filme erfahren hat. Als junger Mann habe er sich für die deutsche Vergangenheit geschämt. Spätestens als er als elfjähriges Kind kommunistisches Unrecht erleben musste, dass sein Vater ohne Grund für vier Jahre fast spurlos verschwand, konnte er sich auch mit dem DDR-Regime nicht abfinden. „Ich habe in keinem Land gelebt, zu dem ich gute Gefühle hätte entwickeln können.“

Heute ist er stolz auf die Freiheit, die das Volk aus sich heraus friedlich erkämpft hat. Wahrhaftigkeit und Freiheit sind ihm kostbare und streitbare Güter. Er betonte aber auch: „Wenn ich im Westen gelebt hätte, dann wäre ich sicher ein 68er geworden.“ Und das, weil er nicht verstanden hätte, warum Alt-Nazis in der jungen Republik an wichtigen Schaltstellen mitgewirkt hatten.

„Wir leben nicht im Paradies, und es leben nicht nur Engel unter uns“, sagte er. Die Zeit sei noch nicht reif dafür, dass es reiche, dass Studienräte und Pastoren die Gesellschaft kontrollieren. „Wir brauchen Polizisten und Dienste.“ Eine gesäuberte Gesellschaft werde es nicht geben. „Wir brauchen aber auch bürgerschaftliches Engagement, um die Gesellschaft immer weiter zu verbessern.“ Ekel-Gefühle gegen Rechte reichten nicht. Gauck ist seit 2003 Vorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen – für Demokratie“, der auch eine Online-Beratung gegen Rechtsextremismus vorhält.

Er arbeitet nicht mehr als Pastor. Doch seine Mission ist zu spüren. Er wünscht sich erwachsene, verantwortungsvolle Demokraten, die in ihrem Denken und Handeln auf Freiheit und soziales Miteinander bezogen sind.