Snippets
Snippets
03.08.2011 05:33
Drucken Vorlesen Senden
Was hat die Müngstener Brücke vom Titel Welterbe?

Von Stefan M. Kob

Die Zeit drängt: Bis Oktober muss der Vorschlag, die Müngstener Brücke in die Welterbe-Liste aufzunehmen, ans Land NRW gegangen sein. Am Dienstag war eine Delegation von Denkmalpflegern aus dem Bergischen Städtedreieck unter der Leitung von Carsten Zimmermann (Bergische Entwicklungsagentur) in Augsburg, um in den Archiven der „Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG“, kurz: MAN, nach möglicherweise entscheidenden Dokumenten zu suchen, die die weltgeschichtliche Bedeutung des Bauwerks belegen.

MAN und insbesondere ihr späterer Generaldirektor Anton Rieppel erbauten die mit 107 Metern nach wie vor höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands, die vor 1897 fertiggestellt wurde. Nicht nur in Fachkreisen gilt sie auch nach 114 Jahren als bedeutendes Beispiel der Technikgeschichte und ein Abbild des technischen Fortschrittsglaubens der damaligen Zeit. „Auch die beispielhafte Einspannung in das Landschaftsbild, ... lassen die Eisenbahnbrücke mit ihren rhythmisch bewegten Stadtgitterkonstruktionen zum Monument technischer Kultur werden“, heißt es 1973 in einer Abhandlung des rheinischen Landeskonservators.

Die aufwändige Sanierung des rostigen Bauwerks, die zu monatelangen Sperrungen führte, macht ihre Zukunft als Eisenbahnbrücke aber unsicher. Interessanterweise war in der Abhandlung von 1973 erstaunlich treffsicher vorhergesagt worden, dass die Brücke „noch 25 bis 30 Jahre ihre Aufgabe erfüllen kann“. Dann wären „umfangreiche Erneuerungen notwendig“, die aber durchführbar wären, „ohne den Charakter der Brücke zu verändern.“

Um dieses zu erreichen, bemüht sich die Bergische Agentur (Bea) auf Vorschlag von Solingens Oberbürgermeister Norbert Feith um den Unesco-Titel. Die Räte aller drei Großstädte haben dem Verfahren inzwischen zugestimmt.

Was ist das Unesco-Welterbe?

1975 trat das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt in Kraft. Die 186 beigetretenen Staaten verpflichten sich zum Schutz und zum Erhalt des auf ihrem Gebiet befindlichen Welterbes. Weltweit sind 936 Denkmäler in 153 Ländern erfasst, 48 davon in Deutschland wie der Aachener Dom (1978) oder das Fagus-Werk in Alfeld (2011).

Welche Chance hat das Projekt Müngstener Brücke?

Es gibt sechs Kriterien, die ein Denkmal erfüllen muss, um in die Welterbe-Liste eingetragen zu werden. Eins muss erfüllt sein, nach Meinung von Experten für Welterbestätten erfüllt die Brücke sogar drei: Sie gilt als Meisterwerk menschlischer Schöpfungskraft, als ein bedeutender Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf Technikentwicklung und als bedeutsamer Abschnitt der Menschheitsgeschichte. Die Bundesrepublik darf zwei Vorschläge einreichen, mit 45 Anträgen pro Jahr beschäftoigt sich das Unesco-Komittee. Die zwei deutschen Vorschläge werden 2014 von den Kultusministern der Länder aus allen Projekten ausgewählt, die von den Ländern angemeldet werden.

Was würde eine Aufnahme bedeuten?

Zunächst einmal die Sicherheit, dass die filigrane Stahlkonstruktion nicht durch ein schnödes Betonbauwerk ersetzt wird. Und vor allem, dass es weiterhin als Eisenbahnbrücke dient, denn der Erhalt der Funktionsfähigkeit ist ein wichtiges Kriterium. Dafür gibt es viel Geld. Denn für die Förderung von deutschen Kulturerben steht ein Bundesprogramm von 220 Millionen Euro zur Verfügung. Schöner Nebeneffekt: Einige Kulturstätten wie die Stralsunder Altstadt oder die Klosterinsel Reichenau verzeichneten seit der Ernennung einen deutlichen Anstieg der Besucherzahlen.