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05.11.2011 11:08
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Joachim Gauck: Die Freiheit in Person

Das Gespräch führte Thomas Kraft

Herr Gauck, vorab erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Solinger Ehrenpreis „Schärfste Klinge“! Wie empfinden Sie die Auszeichnung?

Joachim Gauck: Ich freue mich über diese Auszeichnung. Und einer der Gründe, warum ich mich geehrt fühle, ist die Liste meiner prominenten Vorgänger. Ehrlich gesagt konnte ich mich nicht erinnern, zuvor von diesem Preis gehört zu haben. Bei meinen vielen Lesungen und Vorträgen in Nordrhein-Westfalen bin ich einer Fülle von interessanten Leuten begegnet, die mir auch von diesem Preis und ihren bisherigen Trägern erzählt haben. Das ist eine schöne Sache.

JOACHIM GAUCK

HERKUNFT Joachim Gauck wurde 1940 in Rostock geboren. Zwischen 1982 und 1990 leitete er dort die regionale Kirchentagsarbeit und wurde während der friedlichen Revolution in der DDR zum führenden Mitglied des Neuen Forums.

STASI-UNTERLAGEN-BEHÖRDE Nach der Wende leitete Gauck von 1990 bis 2000 die nach ihm benannte Behörde zur Aufklärung des Stasi-Nachlasses. Seit dem Ende dieser Tätigkeit engagiert er sich gesellschaftspolitisch und erhielt zahllose Auszeichnungen.

NOMINIERUNG 2010 nominierten SPD und Grüne den parteilosen Gauck als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt. Erst im dritten Wahlgang unterlag er dem CDU-Kandidaten Christian Wulff.

PRIVAT Aus erster Ehe hat Gauck vier Kinder, drei davon siedelten in den 80er Jahren in die Bundesrepublik über. Seit 2000 lebt er mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen.

Ihr Engagement bringt Ihnen viele Ehrungen ein. Freut man sich dann wirklich noch über einen weiteren Preis?

Gauck: Es ist richtig, dass ich schon reichlich mit Auszeichnungen gewürdigt worden bin. Wenn Sie mich fragen, wie viele es sind, kann ich Ihnen das gar nicht genau sagen. Dazu gehören auch ungewöhnliche Preise wie etwa „Das goldene Lot“, das die deutschen Vermessungsingenieure verleihen. Besonderen Wert besitzen für mich Auszeichnungen, die aus der Bürgerschaft kommen. Ich bin ein Mensch des Wortes, manchmal geschliffen und manchmal auch sehr deutlich. Das ist in Solingen offenbar aufgefallen und so gefällt mir die „Schärfste Klinge“ sehr gut. Ich selbst sage öfter „Danke“, dann ist es auch schön, wenn sich andere bei mir mit einer Auszeichnung bedanken.

In der Begründung werden Ihr persönlicher Mut, Ihre beeindruckende rhetorische Gabe und Überzeugungskraft genannt. Was denken Sie, wenn Sie so viel Lob hören?

Gauck: Wissen Sie, das ist so: Ich habe in den vergangenen Jahren viel Anerkennung erfahren. Inzwischen befinde ich mich im Herbst meines Lebens. Die Kirche feiert im Herbst Erntedank, und ich habe das Gefühl, mich in der Phase des Erntedanks zu befinden. Ich habe lange in der DDR gelebt. Unter solchen Bedingungen schärfen sich das Denken, Fühlen und Sprechen. Das gehört so zu meinem Leben.

Die politische Zustimmung zu Ihrer Person als elfter Preisträger war in Solingen parteiübergreifend – ausgenommen die Linkspartei. Berührt Sie die Ablehnung durch die Linken?

Gauck: Nein, das ehrt mich! Das ist völlig angemessen so. Ich halte sehr viele in dieser Partei für Reaktionäre. Diese Leute verwirren die Menschen mit einem überholten Weltbild. Wenn Politiker aus diesem Lager meinen, der Preisverleihung an mich nicht zustimmen zu wollen, dann ist das doch wunderbar.

Wie empfinden Sie als früherer DDR-Bürger das Verhältnis der Linkspartei zu diesem Unrechtsstaat? Wir hatten kürzlich in Solingen eine Diskussion, die zur Spaltung des Kreisverbandes geführt hat, weil sich die hiesige Linken-Chefin in einer Form zum Mauerbau geäußert hat, die als Zustimmung gewertet wurde. Ist das für Sie nicht wie ein Schlag ins Gesicht?

Gauck: Ach, das war bei Ihnen! Ja, das war unglaublich. Es passt doch, wenn sich solche Leute über die Auszeichnung nicht freuen. Die Linke ist für mich eine Partei, in der es allzu viele Eventualdemokraten gibt. Sie beherbergt verbohrte Kommunisten, die es mit Fakten und mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Viele Jahrzehnte haben sie in der DDR, im ganzen Ostblock geherrscht. Heute sind sie eine Randgruppe, die unsere Demokratie aushalten kann und muss.

„Die Klingenstadt war
selbst uns im tiefsten
Osten ein Begriff.“

Joachim Gauck über Solinger Messer

Haben Sie bisher schon eine Berührung mit Solingen gehabt?

Gauck: Ich könnte mich nicht erinnern. Deshalb bin ich sehr gespannt auf die Stadt. Ich bin ja jemand, der noch im alten Deutschen Reich geboren wurde. Damals hatte jede Familie ein Messer oder eine Schere, die besonders gehütet wurde – wegen der herausragenden Qualität. Das war fast immer ein Solinger Produkt. Die Klingenstadt war selbst uns im tiefsten Osten ein Begriff.

Das heißt, Schneidwaren sind Ihre erste Assoziation beim Namen Solingen und nicht wie heute leider bei vielen der schlimme Brandanschlag von 1993.

Gauck: Auf jeden Fall!

Die Stadt inszeniert anlässlich der Preisverleihung an Sie ein politisches Stadtgespräch mit vielen Veranstaltungen, Vorträgen und Ausstellungen. Das Motto heißt: „Freiheit leben“. Wie gefällt Ihnen das Konzept?

Gauck: Das finde ich ganz toll, gefällt mir sehr gut. Mit der Freiheit ist es ja so: Alles, was wir haben, verliert immer ein bisschen an Wert, weil es zur Normalität wird und so fälschlicherweise schnell als selbstverständlich angesehen wird. Deshalb berichte ich über meine Erfahrung, wie es ist, diese Freiheit nicht zu haben. Wir vergessen schnell, an wie vielen Stellen der Welt sich die Menschen auch heute nach dieser für uns völlig normalen Freiheit sehnen.

Sie werden zwei Tage lang in unserer Stadt sein und dabei auch im Gespräch junge Menschen treffen. Wie wichtig ist der Austausch zwischen Ihrer Generation und dem Nachwuchs?

Gauck: Ganz wichtig, und ich befördere diesen Austausch, wo ich nur kann. Nach meinen Lesungen gehe ich am nächsten Tag oft in Schulen und erlebe dort sehr schöne Begegnungen. Trotz meiner 71 Jahre geht das ohne Störungen. Ich kann mich gut mit jungen Leuten verständigen, obwohl ich im Alter des Großvaters bin. Ich erzähle dann vom Leben in der Diktatur. Wie es für diese jungen Menschen gewesen wäre in der elften Klasse in Rostock, wo man verpflichtet war, Mitglied der FDJ (Staatsjugend, Anm. d. Red.) zu werden, um Abitur machen zu können. Vom Wehrkundeunterricht, der zum Stundenplan gehörte – mit Schießen und mit Exerzieren. Wie die Wahlzettel aussahen, bei Wahlen, bei denen wir nicht wirklich wählen durften. Und plötzlich hören sie zu. Es öffnet sich zwar eine ferne, fremde Welt, aber die stimmt nachdenklich. Ich will aus den Schülern keine Historiker machen. Ich hoffe aber, dass sie nachher etwas anders auf die Demokratie schauen, die sie umgibt. Das hilft, sie besser zu würdigen.

Verstehen Sie die Welt der jungen Menschen noch oder ist Ihnen vieles davon fremd?

Gauck: Die Tempi der Musik sind heute etwas anders (lacht). Aber das ist normal. Zu meiner Zeit lebten wir auch in einer anderen Welt als die Alten. Die Nachkriegsgeneration kam mit der Vorgänger-Generation nicht klar. Interessant ist aber, dass es Studien gibt, wonach traditionelle Werte wie Treue, Anstand, oder Freundschaft bei jungen Menschen einen hohen Rang einnehmen. Wir leben nicht in einem Land von Egoisten. Es ist nicht so, dass wir unsere jungen Leute abschreiben müssen, weil sie andere Fernsehsender schauen und sich weniger für Politik interessieren. Junge Menschen, die in Freiheit aufwachsen, gewinnen ihre Identität aus ihrem Alltag. Das ist normal.

Lesen Sie im zweiten Teil des großen Gauck-Interviews in der Montag-Ausgabe, wie der Preisträger über den arabischen Frühling, die Eurokrise und den Glauben denkt.