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20.01.2010 09:28
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„Im Februar werden Sie mich alle beschimpfen“

Von Andreas Baumann

Montag, 7.30 Uhr. Erstaunt nehmen Verwaltungsmitarbeiter die Energiespar-Broschüren entgegen, die ihnen Norbert Feith am Eingang des neuen Rathauses in die Hand drückt. Bis Freitag ist in allen Büros die „E-fit“-Woche ausgerufen. Für den kleinen Energieschub schenkt der Oberbürgermeister den Ankömmlingen ein Stück Traubenzucker.

Thema der Woche

Das hat Norbert Feith (CDU) selbst nicht nötig. Seine Sekretärin Susann Kahlert erkennt den 51-Jährigen schon an seiner energischen Art, die Tür zu öffnen.

8.15 Uhr. Feith geht mit ihr, Ressortkoordinatorin Hannelore Müller und Ex-CDU-Chef Fabian Kesseler, den er gegen politischen Widerstand als Referenten geholt hat, seine Termine durch. An die Bürowände hat er farbenfrohe Gemälde aus dem Museum Baden hängen lassen, außerdem ein Adenauer-Porträt. Ein Foto zeigt ihn 1998 als Karnevalsprinz mit Helmut Kohl bei einem Kanzler-Empfang. Das war Feiths Zeit als Ministerialer in Bonn.

8.30 Uhr. Besprechung mit den Dezernenten, den Spitzenleuten im Rathaus. Aber wo? Im OB-Büro? Im Konferenzraum? Sekundenlang steht Feith - grauer Anzug, gestreifte Krawatte, widerborstige Strähne am Hinterkopf - grollend auf dem Flur. „Leute, ihr müsst euch mal abstimmen“, knurrt er. Einen harschen Führungsstil sagen ihm viele nach, seit er 2008 zunächst als Dezernent aus Bergheim kam und seinen Leuten verbot, ohne Erlaubnis mit Ratsmitgliedern oder Journalisten zu reden. Dass Politiker über den „Maulkorberlass“ schimpften, stört ihn so wenig wie Kritik an der Abberufung seines Untergebenen Jürgen Beu als Geschäftsführer des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage. „Mein Führungsanspruch nach innen ist klar“, sagt Feith. „Sonst könnte ich einpacken.“ In der Runde mit Ralf Weeke (Kämmerer), Hartmut Hoferichter (Planung), Robert Krumbein (Ordnung) und Ernst Schneider (Beteiligungsgesellschaft) kreist alles ums Geld. In einer Stadt, die bis 2013 rund 45 Millionen Euro streichen soll, muss sich die Rathaus-Spitze mit den Reinigungskosten befassen, die beim NRW-Landesturnfest 2011 anfallen. Vergleichsweise läppische 6000 Euro - der Imagegewinn für Solingen sei es wert, meint Feith, während er seine Lesebrille zwischen den Fingern zwirbelt.

Als es um gestiegene Kosten der Volkshochschule geht, betont er deren Bedeutung als Familienbildungsstätte. Jugend, Bildung, Integration, Wirtschaftsförderung - das sind die Felder, in denen der Oberbürgermeister am wenigsten kürzen will. Welche Prioritäten die Ratsfraktionen haben, möchte er morgen bei einer Klausur mit deren Vertretern ausloten, bevor er mit Weeke am 25. Februar die Liste der Grausamkeiten offenbart. „Wir brauchen Orientierung“, sagt Feith. „Straßen oder Bildung, Grünanlagen oder Sport?“

BIOGRAFIE

STUDIUM Politik, Soziologie, Geschichte an der Uni Bonn und in Spanien, Magister-Abschluss

BONN 1987 bis 1991 Mitarbeiter der späteren Familienministerin Hannelore Rönsch, bis 1994 deren Büroleiter, dann bis 2001 Leiter von Grundsatzreferaten KOMMUNE Beigeordneter in Bergheim; seit Juli 2008 Beigeordneter in Solingen, seit Oktober 2009 Oberbürgermeister

Monatelang haben die Rathaus-Mitarbeiter ermittelt, welche kommunale Aufgabe welchen Aufwand an Personal und Geld verlangt. Ein „partizipatorischer Prozess“, wie Feith in seiner leicht verkopften Sprache und mit leiser Stimme murmelt. Theoretisch kann die Verwaltung demnach eine erstaunlich hohe zweistellige Millionensumme sparen, wenn sie Leistungen radikal kürzt. Was das konkret heißt, verrät im Rathaus noch niemand. Es könnte um die Schließung von Bürgerbüros gehen, um nur ein Beispiel zu nennen. Rund 150 Jobs sollen durch Ruhestand und Fluktuation abgebaut werden. Betriebsbedingte Kündigungen schließt Feith aus - auch für Klinikum und Stadtwerke.

11.15 Uhr. Feith und Weeke treffen Dr. Alexander von Erdely von CB Richard Ellis. Die Firma hatte die Stadt beim Kombi-Bad beraten, dessen Scheitern Feith bedauert. „Es wäre ein adäquates Familienangebot gewesen. Jetzt ist die Sache durch.“ Der Unternehmensberater erläutert eine Idee zur Energie-Sanierung städtischer Gebäude, die ihm einen Folgetermin bei Weeke einträgt.

15.40 Uhr. Feith hat ein Treffen mit dem Personalrat sowie einen Besuch an der Hauptschule Höhscheid absolviert. Während Klaus Drost ihn im Dienstwagen - einer geleasten E-Klasse - zum Rathaus fährt, telefoniert er mit seiner Tochter Milena. Die Familie hat wenig von Feith, auch am Wochenende. Es ist ein Preis für die Macht, den sie gemeinsam zahlen - auch für die Freude, die ihm seine Aufgabe bereitet.

16.30 Uhr. Gespräch mit Friederike Stratmann (Diakonie), Bernd Böhm (Arbeiterwohlfahrt) und Gerd Brems (Paritätischer Wohlfahrtsverband). Sie warnen vor sozialen Folgen harter Kürzungen, wollen frühzeitig eingebunden werden. Feith, der weiß, wie wichtig etwa Prävention in der Jugendhilfe ist, verspricht ein offenes Ohr. „Reservate“ könne es aber nicht geben. Und dann meint er lachend: „Mir ist klar, im Februar werde ich von Ihnen allen furchtbar beschimpft.“

Zusammenarbeit mit den Grünen würde er „spannend“ finden

Feith weicht Konflikten nicht aus. „Ich traue mich“, sagt er. Mitarbeiter, die ihm weniger wohlgesonnen sind, interpretieren das so: Der Mann lasse kaum ein Fettnäpfchen aus. Überraschend ist, wie behutsam Feith bisher versucht, Politiker und Bürger zu gewinnen: mit der Etat-Bürgerbeteiligung, der Tür zum OB-Trakt, die anders als bei Vorgänger Haug allen offen steht, oder dem geplanten Umbau der Sitzordnung, damit auch kleine Fraktionen im Rat einen Platz in der ersten Reihe erhalten.

17.50 Uhr. Gleich konferiert Feith mit Politikern, die in einem Beirat die Bürgerbeteiligung begleiten sollen. Er wolle erst mal nur eins, unterstreicht er vor dem letzten Termin des Tages - vernünftige Sparvorschläge vorlegen. Welche Mehrheit sich dafür finde, müsse man dann sehen. Selbst eine engere Zusammenarbeit mit den Grünen fände Feith „spannend“. „Sie müssten ihren Nachhaltigkeitsgedanken aber auf die Finanzen übertragen.“

In der Krise ist er das mächtigste Stadtoberhaupt, das Solingen je hatte. Hält er den kommenden Sparbeschluss des Rates für unzureichend, kann er ihn kippen. Das sei keine wirkliche Macht, sagt er, weil es heute nicht mehr ums Gestalten gehe. „Ich will ein glaubwürdiger Sachwalter der Solinger Interessen sein, trotz unpopulärer Maßnahmen.“