„Himmel hilf.“ Stufe um Stufe, Tritt für Tritt und kein Ende. Wer das steile Gerüst zum Turm der Ohligser St. Joseph-Kirche besteigen will, braucht Luft und ein festes Ziel im Blick. Hilfreich ist durchaus auch das Einmaleins. Denn das Abzählen der Treppenstufen erleichtert die monotone Turmbegehung: 18 Etagen mal elf Stufen, danach noch einmal 48 Sprossen über die Aluminiumleiter fordert der Weg. Erst dann ist man dem Himmel und dem Platz, an dem unlängst noch Ohligs höchster Wetterhahn krähte, ganz nah.
Der Hahn wurde gerade abgebaut. „Für seine Restaurierung und für die Reparaturen am großen Kreuz haben wir jetzt die Ausschreibungen rausgeschickt“, erklärt Architekt Adam Bartoschek.
Noch bis Weihnachten sollen die Restaurationsarbeiten am Ohligser Kirchturm dauern. Bis dahin hüllt sich der imposante Bau in den weißen Gerüstmantel ein, als wolle er Winterschlaf halten.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer die Treppe nimmt, dem klingen ab der Mitte Sägen, Presslufttacker und die englische Schlagerparade aufdringlich entgegen. Allein acht Fachleute einer Schmallenberger Dachdeckerfirma reißen auf gut 30 Metern Höhe das marode, teils über 120 Jahre alte Gebälk auseinander, setzen neues Holz ein, um es danach mit einer Kupferverkleidung vor den Wettern des jungen Jahrhunderts zu schützen.
Das ganze Projekt soll rund 280 000 Euro kosten
Bartoschek ist ein alter Hase. Gute 15 Jahre ist es her, da brachte das Tageblatt eine Reportage über den Restaurationsfachmann. Damals arbeitete er für ein Architektenbüro an der Lutherkirche. „Die wurde von 1995 bis 2003 aufwendig und bestens von außen erneuert.“ sagt der gebürtige Pole, der in Köln Architektur studierte. Nur innen muss eine Menge gemacht werden, fügt er noch hinzu.
In Ohligs haben sie es da besser. Im Gegensatz zur Lutherkirche wird das Gotteshaus an der Hackhauser Straße, das 1893 in Dienst genommen wurde, aufwendig restauriert. Kupfer- und Schieferarbeiten am rechten Kirchenschiff sind schon vor Jahren gemacht worden. Jetzt sind der Turm und das Dach des linken Schiffes dran. Das ganze Projekt, das sich mit Ausschreibungen, Planungen und ersten Innen-Reparaturen bereits über ein Jahr hinzieht, wird 280 000 Euro kosten. 30 Prozent davon trägt die Gemeinde, den Rest offizielle Stellen wie das zuständige Erzbistum in Köln.
Imposant ist neben dem Turm, der über 50 Meter in den Himmel ragt, auch das Gerüst, das ihn umgibt. „Allein das Einrüsten dauerte vier Wochen“, weiß Adam Bartoschek. 40 000 Euro kostet so ein Aufbau, die Miete nach dem ersten Monat verschlingt noch einmal 1000 Euro pro Woche.
Doch so ein Gerüst ist ein „Muss“ für die Arbeiten in schwindelnder Höhe. Zimmermann Sebastian Gördes, der seit zwei Wochen über Ohligs arbeitet, hat zwar in Duisburg schon einmal in rund 100 Metern Höhe gesägt und gehämmert, findet die Arbeiten an St. Joseph aber durchaus anspruchsvoll. Er und seine Kollegen sitzen zwischen Turm und Abgrund, passen Bretter zwischen Mauerwerk und Dachgebälk ein. Eine luftdurchlässige, reißfeste Bespannung sichert die Arbeiter vor dem direkten Absturz, nimmt ihnen aber nicht den atemberaubenden Blick nach Köln, Düsseldorf oder in die andere Richtung zum neuen Ohligser Bahnhof hin. Der Wind pfeifft kaum, doch zur Mittagspause steigen die Handwerker ab. Ein robustes Radio spielt derweil die Charts rauf und runter.
Wenn die Dachdecker in einigen Wochen gehen, klettern die Steinmetze zum Turm hinauf. Der alte Sandstein hat gelitten. „Das Gewicht schätze ich auf gut zehn Kilogramm“,überlegt Architekt Bartoschek und wackelt an einem dicken, brüchigen Brocken, der gefährlich lose über dem Abgrund hängt.
Aus Naturstein sind auch die kapitalen Bekrönungen. In ihrem Inneren stecken Metallanker. „Auch die werden erneuert, weil sie im Laufe der Jahre sicher verrostet sind“, sagt Adam Bartoschek. Nur die riesige Kirchturmuhr mit den goldenen Ziffern, die jetzt während der Arbeiten abgestellt ist und auf 12 Uhr zeigt, ist in bestem Zustand. Sie wurde letztmals in den 80er Jahren überholt.
Wir sind fast oben. Hier wurden der alte Bleimantel der Turmspitze vom Holzkern abgepellt, als hätte ein Riese erste Weihnachtsmandarinen geschält. „Anstreicher Hevertz“ hat sich im dunkelgrauen Metall mit krickeliger Schrift schon 1954 verewigt. Danach wurde hier oben erst wieder 1987 gearbeitet. Doch spätestens im Januar hat die Turmspitze für die nächsten Jahrzehnte ihre Ruhe wieder.