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Dankesrede von Dr. Joachim Gauck zur Verleihung des Ehrenpreises "Schärfste Klinge" am 24. November 2011
das ist schon ein besonderer Tag für mich. Nicht nur, weil ich gar nicht ahnte, dass es den Preis gibt, der mir heute zuteil wird, sondern auch wegen der Art und Weise, wie Sie mich in Ihrer Stadt empfangen haben. Sie sind alle da, meine Damen und Herren, der Rat Ihrer Stadt, und Sie, Herr Oberbürgermeister. Ihnen danke ich herzlich für die Sätze, die Sie vorgetragen haben. Und dann kommt da ein „Mister Europa" zu uns und wir sind total überrascht, dass er hier ist! Es hätte ja genügt, hätten Sie nur hier gestanden, Herr Juncker. Aber dann haben Sie noch all diese Dinge gefunden, die Sie zu mir gesagt haben, und vieles davon ist unmittelbar in mein Herz gegangen. Und ich werde in dieser Stunde von einem wirklich leibhaftigen Sinfonieorchester begleitet. Nein, das habe ich trotz vieler Ehrungen noch nicht erlebt. Wenn die Worte eines großen Europäers, der Eifer und das Engagement eines Stadtoberhauptes und die Gabe der Künstler zusammenkommen, dann gehen verschiedene Türen in unserer Seele auf. Es ist anders, wenn musiziert statt argumentiert wird. Natürlich brauchen wir die Kraft der Argumente und natürlich ist es wichtig, ordentlich zu reden, klar. Aber wir brauchen auch Kommunikationsweisen, die unserer Seele Flügel verleihen. So geschieht es in den Künsten, manchmal aber auch, wenn ganz normale Politiker uns soweit bringen, dass wir tief in uns das Gefühl der Dankbarkeit entdecken - so, als hörten wir eine wunderschöne Musik oder ein schönes Gedicht. Ja, so was kann Politik manchmal auch. Heute bin ich darauf gekommen, weil ich eben auf unterschiedliche Weise Dankbarkeit empfunden habe. Auch deshalb, weil ein so viel beschäftigter Mann wie Sie, Herr Juncker, in Ihrer Laudatio bestimmte Dinge angesprochen haben. Das war für mich schon verwegen, als Sie von meinen Tränen erzählt haben bei meiner ersten freien Wahl - aber ich finde es wunderbar und ich war glücklich als ich das hörte. Ich bringe dieses Beispiel oft selber. Bei Menschen, von denen ich annehme, dass sie zur Hälfte nicht dabei waren, als damals der Oberbürgermeister oder der Landtag gewählt wurden. Ich bin Mecklenburger, auch wenn ich in meiner Heimat seit 20 Jahren nicht mehr lebe, bin ich immer wieder zu Besuch. Bei der letzten Landtagswahl gab es eine Wahlbeteiligung von 50 Prozent. Damals bei dieser Wahl waren es weit über 90 Prozent, weil die Menschen spürten, dass es ist ein großes Geschenk ist, wählen zu dürfen. Und ich erzähle oft davon und sage den Leuten dann ehrlich, wie es war. Und dann erzähle ich auch von diesen beiden Tränen, die über meine Backen rollten. Und als ich das jetzt wieder von Ihnen hörte, habe ich gedacht: Ja, es stimmt, und warum soll ich das verbergen? Ich schaue die Freiheit und den Westen mit anderen Augen an, als ich es tun würde, wäre ich immer hier gewesen. Und ein großer Teil Europas tut das ebenso, weil das, was vielen als selbstverständlich gilt, uns, die wir es so lange entbehren mussten, als ein großes Geschenk erscheint. Und darum braucht Europa diese beiden Blicke und diese beiden Perspektiven auf unsere Freiheit. Wir leben in einer meinungsstarken Demokratie und wir wollen benennen, was uns ärgert. Aber es gibt Situationen, in denen wir das, was uns umgibt, nicht nur an den Mängeln, Fehlern und Abgründen messen sollten. Menschen wie ich meinen, dass wir Demokratie nicht dann besonders intensiv und genau beschreiben können, wenn wir die Summe ihrer Mängel zu bilden verstehen - sondern wir glauben, dass das, wovon Millionen von Menschen jahrzehntelang geträumt haben, tatsächlich auf die Erde zu holen ist. Im vorigen Jahr, als ich mich als Kandidat bekannt machte, habe ich lange überlegt, ob ich die aktuellen Themen der Deutschen behandeln sollte. Ich bin sofort wieder davon abgekommen, denn als ich mir diese Themen anschaute, begegneten mir die Feuilleton-Wellen der unterschiedlichen Daseinsformen von Angst. Ein Beispiel: Unsere Regierung hat vor kurzem einen Totalschwenk gemacht bei einem ganz bestimmten politischen Thema - ich meine jetzt nicht Europa, sondern den Atomausstieg. Sie ließ sich dabei nicht leiten von Erkenntnissen, die sie kurz vorher in eine ganz andere Richtung gebracht hatte, sie bemerkte vielmehr, dass die Ängste der Vielen plötzlich immer machtvoller wurden und dass es politisch klug wäre, diesen Ängsten zu folgen. So können wir immer wieder eine Versuchung der Politik entdecken, nicht mit Mut und Entschlossenheit umzusetzen, was man für richtig erachtet - und dafür auch mal abgewählt zu werden. Immer sensibler werden stattdessen die fluiden Zustände des Angsthabens betrachtet, um sich dann an die Spitze einer Angstbewegung setzen zu können und das für Politik auszugeben. Das kann man natürlich machen und das hat auch eine gewisse Ratio: wenn ich ausübender Politiker bin, will ich wiedergewählt werden. Aber zur Wiederwahl gehört auch die Überlegung: um welchen Preis? Es könnte eine Tugend von Politik werden, die Möglichkeit, das nächste Mal nicht gewählt zu werden, mit ins Kalkül zu ziehen. Dann bin ich nämlich erkennbarer beim übernächsten Mal. Diese Art von Erkennbarkeit wird vom Zeitgeist nicht immer geschätzt, meistens sogar abgelehnt. Aber wer in der Politik nur noch auf Angstwellen reagiert, wird erleben, das Vertrauen nicht wächst, sondern schwindet. Wir erwarten von unseren Repräsentanten, dass sie mit mehr Zeit, mehr Geduld und mehr Sachverstand an die Lösung der Probleme herangehen. Und wenn ich darüber nachdenke, fallen mir manche Politikerfiguren ein, die ich kritisieren könnte. Doch dann denke ich auch immer an die Stammtische, die mir zuwider sind, weil sie so tun, als wären unsere Politiker eine andere Rasse. Das sind sie aber nicht. Sie sind wie wir. Es gibt eine große Bandbreite zwischen grenzdebil und begnadet. Warum spreche ich das an? Weil ich möchte, dass wir zu einer positiven Beziehung zur Freiheit gelangen. Nicht auf dem Wege der Selbsttäuschung, sondern indem wir aufrufen, was wir erlebt haben in unserem tatsächlich gelebten Leben. Ich bin dankbar dafür, dass die Phasen aus meinem Leben genannt wurden, in denen die Freiheit im Exil war. Sie war im Exil, aber in den Sehnsüchten und Wünschen der Menschen vorhanden. Draußen konnte sie nicht leben. Aber irgendwann, als die Regierung schwächelte und das System seine Lernfähigkeit vollends verloren hatte, haben die Menschen etwas Merkwürdiges getan: Sie haben ihrer Angst den Abschied gegeben. Und im ersten Schritt auf die Straßen ist dieser Abschied von der Angst bekräftigt und verstärkt worden und es entwickelte sich ein Prozess. Angst kann man nie wegzaubern, Angst ist menschlich. Woran wir aber arbeiten können ist, der Herrschaft der Angst zu entsagen. Die Schritte dazu müssen wir uns immer wieder neu anschauen, wir müssen sie durchbuchstabieren und trainieren. 1989 ist es den Osteuropäern zu denen auch Deutsche gehören - gelungen, den Ängsten den Abschied zu geben. Wir haben diese ermächtigenden und ermutigenden Erfahrungen gemacht als wir bemerkten, dass ein Leben vorstellbar ist, in dem wir das Volk sind. Unvorstellbar! Es war wie in Zeiten des Absolutismus mit einer perpetuierten Ohnmacht der Vielen und einer immer währenden Übermacht der Wenigen. In der Sowjetunion hielt das noch länger an als bei uns, aber mir hat es auch so schon gereicht. 12 plus 44 Jahre politische Ohnmacht - dann glaubt man nicht mehr groß an Veränderung, weil vorher schon alle Aufstände niedergeschlagen wurden. 700 Orte in der DDR protestierten 1953 gegen das Regime - und nichts hat es genützt. Auch Ungarn 56 war eine Kette von Niederlagen. Da wird Anpassung normal. Aber diese Freiheit in der Sehnsucht der Menschen, die findet dann irgendwann den Weg auf die Straßen und dann entsteht dieses schönste Wort der deutschen Politikgeschichte: „Wir sind das Volk." Keiner hat je ein besseres erfunden - kein Bismarck, kein Willi Brand, kein Adenauer. Dieses Wort, aus der Mitte der Bevölkerung von Leipzig in unser Bewusstsein hochgekommen, war deshalb so edel, so würdevoll und so stark, weil es „die da oben" ohnmächtig machte. Und die Ohnmächtigen hat es ermächtigt. Seitdem wissen wir, dass es uns nützen kann, wenn wir der Freiheit, kann sie denn draußen nicht leben, Asyl gewähren in unseren Herzen, in unseren Köpfen und in unserer Sehnsucht. Von dieser Ermächtigung rede ich immer wieder, weil sie ein Überlebensprinzip der Demokratien der ganzen Welt ist. Unsere freiheitlichen Demokratien, egal wo sie existieren, leben nicht davon, dass wir immer das hinlängliche Maß an Furcht und Ängsten haben - sondern sie leben davon, dass es hinlänglich viele Menschen gibt, die entschlossen, mutig, tatkräftig meinen, sie seien zuständig für das, was sie in dieser Welt umgibt. In Deutschland gab es Zeiten, in denen wir diese Zahl der ermächtigten und ermutigten Bürger nicht hatten. Es gab eine wunderbare Verfassung in den Zeiten von Weimar, es gab eine ernst zu nehmende Demokratie, aber es gab zu wenig Demokraten. Und das ist in dieser Bundesrepublik Deutschland nun gänzlich anders. Und das sagt ein Rostocker in Solingen. Beide Städte haben je eigene Erfahrung mit widerwärtiger Fremdenfeindlichkeit, haben mit Mordlust und Verbrechertum im politischen Kontext zu tun gehabt. Wir sehen das, es widert uns an, aber wir wissen auch ganz genau, dass wir diesen Mörderbanden niemals so viel Einfluss geben können, dass wir uns vor ihnen fürchten. Wir werden uns nicht verdrücken, sondern wir werden unsere Demokratie behalten. Ob in dem Städtchen Wunsiedel oder wo auch immer sich diese Verführer, diese Rechtsradikalen, zusammenrotten, um unserer Republik ein hässliches Angesicht zu verleihen - weil sie hassen, was wir achten und weil sie nicht mögen, dass wir hassen, was sie verehren - wo auch immer wir diese Leute treffen, sind Bürgerbündnisse da, stehen ihnen mehr Menschen entgegen als ihnen nachlaufen. Das ist unsere Republik. Wir erwarten nicht nur von den Instanzen, dass sie uns retten, dass sie das Land säubern. Eine gesäuberte Gesellschaft gibt es nicht. Ja, das müssen wir uns mal ganz nüchtern sagen. Wir sind nicht dazu da, das Paradies zu schaffen, sondern wir können eine geordnete und verteidigungsfähige politische Landschaft haben. Wir wollen natürlich ausreichend Polizisten und andere Dienste haben. Wie wollen Vernunft, Analysefähigkeit und Tatkraft in unseren Diensten, wir wollen, dass sie vernünftig arbeiten. Aber das reicht mir nicht. Ich will immer wieder erneut sehen, was wir schon eingeübt haben, diese Widerstandsfähigkeit der Zivilgesellschaft. Und ich bin sicher, dass sie in dieser Stadt, die mir diesen schönen Preis verleiht, ganz lebendig ist. Das finde ich großartig und es ist ein zusätzliches Geschenk an mich. Es ist auch ein Geschenk, dass Sie die Ehrung verbunden haben mit dem Gedanken, die Freiheit, etwas dichter an die Menschen zu bringen. Viele kennen sie gar nicht mehr genau, wie es einem manchmal geht, wenn man mit einem Menschen, einem Ehepartner oder Freund oder Kollegen schon all zu lange, nämlich immer, zusammen ist. Es kann unversehens geschehen, dass wir überhaupt nicht mehr bemerken, welcher Wert neben uns lebt, sondern wir definieren ihn oder sie nur noch über ihre Macken und Mängel und Alterungserscheinungen. Ja, so etwas gibt es und das führt sich auch ganz gut ein in die deutsche Nationalkultur. Die deutsche Nationalkultur erfreut sich am Verdruss. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns unwohl fühlen. Deshalb brauchen wir ja auch unsere Ängste so nötig. Es kann ja sein, dass es total wichtig ist, aus der Atomenergie auszusteigen. Ich glaube eher, dass das stimmt - aber ich würde eine sachliche Debatte einer Hauruck-Entscheidung vorziehen, bei der wir plötzlich Flügel schlagen und unsere Ängste kultivieren. Ich bin deshalb so kritisch, weil ich an anderen Stellen des Lebens auch diese Neigung zur Angst gesehen habe. Denken Sie nur mal die ganzen Krankheiten, die unser Volk dahinraffen sollen: EHEC war ja nicht so doll, aber davor war die Schweinegrippe! Ja! Denken Sie mal, wie wir uns gefürchtet haben und wie Harald Schmidt, Chefphilosoph der deutschen Nation, schließlich vor uns stand und die Hände erhob und fragte: „Wo bleiben die Toten?" Ja, die waren nicht gekommen, wir brauchten sie gar nicht, wir hatten ja unsere Angst. Davor gab es die Vogelgrippe und BSE. Ich war der einzige Berliner, der jeden Tag Rindfleisch eingekauft hat. Dann gab es auch noch böse Tiere - Hunde, Kampfhunde -, Mensch das war schlimm. Unsere Abgeordneten traten zusammen um Hundegesetze zu machen. Warum wählen wir eigentlich diese Angst? Für mich ist es ganz einfach: Weil diese Nation dem Frieden nicht traut! Obwohl sie jetzt annähernd drei Generationen im ständig wachsenden Wohlstand, in Sicherheit, Freiheit, halbwegs in Solidarität und in Frieden lebt. Alle Vorgängergenerationen haben derartiges nicht erlebt. Alle Männer vor meiner Generation gingen ein oder zwei Mal in ihrem Leben in den Krieg - in allen Zeiten! Und deshalb erscheint es Vielen, als sei das nicht normal, dass es uns geht, wie es uns geht, mit einer gefestigten Demokratie. Sie trauen ihrer eigenen Kraft nicht mehr, sie trauen dem Frieden nicht. Sie denken, es ist ein Irrtum des Schicksals, dass es diesem Volk, das so viel Blut und Elend geschaffen hat, so sagenhaft gut geht. Und deshalb beschwören sie das Schicksal mit diesen Angstwellen. Es ist ein magisches Geschehen. Die Angst soll dem Schicksal oder Gott sagen: „Schau nur auf uns, wie wir uns fürchten. Verschone uns mit Schlimmerem:' Ich war im vorigen Jahr wirklich weit davon weg, diese modischen Themen aufzunehmen und mich damit richtig einzuschmieden in die Lebensgefühle meiner Zeitgenossen. Und dann passierte etwas Merkwürdiges, ich konnte es bei Einzelnen und in Gruppen und großen Versammlungen immer wieder erleben: Ich habe von meiner Sehnsucht nach Freiheit, meinen Erfahrungen mit Freiheit gesprochen. Ich habe dazu andere Worte benutzt und ein Pathos völlig richtig Herr Juncker -, das altmodisch war. Und was passierte dann? Die Menschen haben plötzlich gemerkt, dass ich nicht von mir sprach, sondern von ihnen. Ich habe von ihrer Freiheit gesprochen und die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung genannt. Freiheit entfaltet ihren größten Reiz, ihre größte Leucht- und Strahlkraft, wenn wir Freiheit zu und Freiheit für etwas leben. Wenn plötzlich dieses Prinzip der Bezogenheit in unser gesellschaftliches Miteinander eintritt, so ähnlich wie es in unser Privatleben eintritt, wenn wir zum ersten Mal lieben und das „Du" wichtiger nehmen als das „Ich" oder zum ersten Mal ein eigenes Kind haben und alles dafür tun wollen und gar nicht mehr an uns denken müssen. So gibt uns die Natur einige Hinweise, die viel später von Philosophen und Theoloren und Politikwissenschaftlern den Menschen beigebracht werden. Es gibt ein Leben, das immer wertvoller wird, je mehr wir die Freiheit definieren wie Erwachsene es tun sollten. Und die Freiheit der Erwachsenen hat einen Namen: Verantwortung". Und dann gibt es diesen geheimnisvollen inneren Indikator dafür, dass das wohl stimmen möchte. Dass wir immer dann, wenn wir diese Lebensform der Verantwortung wählen, ein inneres „o.k." unserer eigenen Psyche bekommen. Manchmal bekommen wir auch von außen Preise und Ehrung und Anerkennung, manchmal ist es ein Händedruck, manchmal ein Scheck, ein Orden oder so ein schöner Preis. Das gibt es alles, aber noch viel wichtiger ist es, dass wir dorthin finden, wo unsere eigene Kompetenz und unsere uns zu heilen, um für uns da zu sein ... wir kennen die Professoren, die uns geprägt haben, wir kennen die Menschen in den sozialen Diensten, die Dinge tun, die wir nicht mögen. Wir kennen den Handwerker, der seinen Beruf ernst nimmt und der als Einzelner überzeugt. Wir lieben es, wenn Künstler ihren Beruf so ausüben, dass sie unser Herz und unsere Seele erreichen - sei es, indem sie musizieren, indem sie dichten oder gestalten. Wir spüren eine geheimnisvolle Kraft, die von denen ausgeht, denen etwas am Herzen liegt und mit dieser Kraft gestalten wir unsere offene Gesellschaft. Die offene Gesellschaft ist eben nicht nur die der Egoisten. Die gibt es, aber gäbe es nur sie, könnten wir den Früchtekorb Europas nicht vor unsere Augen stellen. Und der Osten Europas, der in anderen Werten lebte, hat genau diese Früchte der westlichen Freiheit in Demokratie erwählt, keine „Irgendwie-Alternativen", sondern er hat sie gewollt - die Menschenrechte für alle, die Bürgerrechte für Jede und Jeden, die Herrschaft des Rechtes. Eine Wirtschaft, die frei ist und sich trotzdem der sozialen Bindung nicht entzieht. Eine Friedfertigkeit, die für unsere Nation relativ neu ist und eine immer wiederkehrende Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. All dies hat unser Deutschland gebildet: Eine 60-Jährige Demokratiegeschichte ohne Krieg mit unseren Nachbarn und jene wunderbare Freiheitsrevolution der Ostdeutschen;die doch schon so toll angepasst leben konnten. Es sind nicht Visionen oder Träume, sondern wir haben es geschaffen: Dieses Maß an Bürgerund Menschenrechten, dieses Maß an Sicherheit, an Wohlstand. Und nun schaut Deutschland doch vielleicht wirklich anders aus als zu der Zeit, als wir jung waren und Leute wie ich das Land nicht mochten. Wir müssen uns nicht betäuben, wir schauen es genau an und alle diese Dinge, die ich erwähnt habe, sind da - trotz all der Mängel die wir auch benennen können. Und wenn wir das nicht sehen und die Gefühle, die daraus erwachsen, nicht zulassen - wenn wir also weder zu Dankbarkeit noch zu Freude noch zu einem erwachsenen, aufgeklärten Stolz fähig sind -, dann verlieren wir Zukunft. Weil wir dann nämlich das Zutrauen zu uns selbst, zu unserer Kraft, zu unserer Kompetenz, zu unseren ganzen Menschenmöglichkeiten verspielen. Undankbarkeit schädigt Menschen und Gesellschaft, sie entmächtigt. Lassen Sie mich abschließen mit einer kleinen Erinnerung an die Zeit, als ich noch Pastor war. Ich bin das bis 1990 gerne gewesen, seither bin ich nicht mehr im geistlichen Amt. Aber natürlich denke ich ganz oft an diese für mich so prägende und wichtige Zeit. Sie hat mich zweierlei gelehrt: Beuge dich nicht vor dem, der sich gerade anmaßt dein Herr zu sein - es sei denn, du hast daran mitgewirkt, dass er über dir ist. Dann habe ich gelernt: Beuge dich nicht vor dem Zeitgeist denn es kann sein, dass er ein Sturm von vielen, vielen zusammengekommenen Irrtümern ist. Und dann habe ich gemerkt: Wir haben immer eine Wahl. Nicht jede, wahrlich nicht, aber wir haben immer eine Wahl zwischen etwas Besserem und etwas Schlechterem. Wir wissen oft nicht, wen wir wählen sollen, wer „die Guten" sind. Aber mein Gott - sollen wir deshalb der Wahl fern bleiben? Wenn wir nicht wissen, wer die Guten sind, dann wählen wir eben die weniger Schlechten, nicht wahr? So machen wir das. Aber das alles wissen Sie ja selber. Ich wollte noch ein geistliches Wort an Sie richten, denn ich darf ja jetzt nicht mehr predigen, das muss ich immer so einmischen in meine politischen Vorträge. Als ich ein junger Student war, Ende der 50er, mochte ich das Land nicht, seine Kultur nicht, den Glauben nicht. Nichts hatte diese Mordtaten der Deutschen verhindert. Ich war heimatlos in meiner Heimat, auch geistlich. Aber dann habe ich gedacht, es muss doch einen Sinn geben und habe gelechzt nach einem positiven Sinn. Ich bin dann in die Theologie gekommen und fing an zu studieren. Im alttestamentlichen Seminar begegnete mir eines Tages ein Satz auf Hebräisch, den ich auf Deutsch schon kannte, und jetzt sollten wir ihn auslegen. Er steht in der Schöpfungsgeschichte. In Luthers Deutsch: „Und Gott schuf die Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn". Und ich dachte damals in diesem jugendlichen Verzagtsein: mein Gott, so ein Satz, wie schrecklich, hoffentlich muss ich nie über ihn sprechen. Ein anthropomorphes Gottesbild. Das konnte mir nur Angst und Schrecken einjagen als Nachkriegsgeschöpf. Nimmermehr wollte ich darüber reden. Ob ich mich daran gehalten habe, weiß ich nicht mehr. Aber so vor einiger Zeit, vor fünf Jahren etwa, da viel mir meine jugendliche Angst vor diesem Satz ein und ich erinnerte mich, dass ich nicht wusste, was er bedeuten soll und warum er überhaupt in der heiligen Schrift steht. Und ich konnte meine jugendlichen Ängste einfach nicht mehr verstehen, denn der Satz war für mich von einer leuchtenden Klarheit. Ich übersetzte diesen Satz so: „Und Gott schuf uns mit der geheimnisvollen Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, für uns selber und für alles, was um uns herum ist. Kein anderes Wesen auf dieser Erde hat diese Fähigkeit, wir haben sie". Und plötzlich wusste ich, was gemeint war und ich fand es wunderbar, dass ein Gestaltungsprinzip, das so eine enge Bindung zu den Grundbotschaften des Glaubens enthält, in gleicher Weise im privaten, im beruflichen und im öffentlichen Leben Geltung hat. Ist es nicht wunderbar zu entdecken, dass wir nicht verurteilt sind zur Angst, zu Depression und Erfolglosigkeit, sondern dass wir in uns Kräfte aufrufen können, die uns mit einem beständigen „Ja" zu uns selbst in unserem Leben ausstatten? Meine Damen und Herren, das ist es, was in uns leben will. Und in dem Moment, in dem wir es in unser öffentliches Leben hineintragen, verwandelt sich das zu einer Demokratie und Freiheit, an der wir Freude haben können. Und solche Freude kann dann auch mal anstecken. Ja, so ist das: wir müssen glauben können, was wir schon konnten, um Morgen zu können, was wir heute glauben, nicht wahr? |
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