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06.01.2012 09:39
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Die Tics beherrschen sein Leben

Von Susanne Koch

Der Film „Vincent will Meer“ hat Sebastian Marchand gut gefallen: Auch er leidet unter dem Tourette-Syndrom wie die Hauptfigur in dem Kinofilm. „Ich finde, dass der Hauptdarsteller Florian David Fitz die Tics richtig gut gespielt hat“, sagt der 27-Jährige. „Ich habe mich köstlich amüsiert. Die anderen Kino-Zuschauer aber weniger, wenn ich mit meinen Tics lautstark dazwischengefunkt bin.“

Sebastian Marchand kann die Tics nicht abstellen. Mit sechs Jahren haben sich die Symptome zum ersten Mal gezeigt. Bis heute gibt es keine Heilung für das Tourette-Syndrom und auch noch keine richtige Erklärung dafür. Die Tics des ausgebildeten Erziehers können so laut werden, dass sich Nachbarn belästigt fühlen. „Das kann ich verstehen, aber was soll ich machen?“ Hartmut Wiek, der ihn in seiner Jugend als Betreuer vom Diakonischen Werk begleitet hat, ergänzt: „Er zuckt nicht nur unwillkürlich und schlägt sich vor den Kopf, auch seine spontanen Ausrufe können sehr missverständlich sein und sehr laut werden. In Entspannungsphasen kann es auch sein, dass er auf den Boden stampft.“

Ehemaliger Vermieter führt
Klage wegen Lärmbelästigung

Das hat ihm in den vergangenen Jahren immer wieder Streit mit Vermietern gebracht. Hartmut Wiek betont: „Wenn er unter dem Druck steht, möglichst leise zu sein, werden die Tics vor lauter Anspannung noch lauter.“ Auch in der Wohnung, die er im Sommer gefunden hatte, konnte er nicht lange bleiben. Und jetzt verklagt ihn sein ehemaliger Vermieter wegen der Lärmbelästigung vor Gericht. Er klagt Geld ein, das er dadurch verloren haben will, weil andere Mieter ausgezogen waren. „Wir verstehen den Konflikt“, sagt Hartmut Wiek. „Aber die Art und Weise, wie hier vorgegangen wurde, haben wir noch nie erlebt.“ Keiner habe versucht, eine gemeinsame Lösung zu finden, etwa durch eine besondere Schalldämmung in der Wohnung. Keiner habe versucht, mit Sebastian Marchand zu reden. „Ich habe hinterher sogar Angst vor den Nachbarn bekommen, so lautstark haben sie an die Tür gehämmert.“

Für ein Jahr gibt es jetzt eine Übergangslösung. Das Diakonische Werk hat ihm für diesen Zeitraum ein kleines freistehendes Häuschen zur Verfügung gestellt. Darin lebt er jetzt mit seiner Freundin. Aber was passiert dann? Es sei bedrückend, nie zu Hause ankommen zu können, sondern immer das Gefühl haben zu müssen, auf der Flucht zu sein.

Sebastian Marchand arbeitet seit zwei Jahren als Erzieher im offenen Ganztag einer Grundschule. „Die Kinder kommen am besten damit klar“, betont er. Mit seinen Trommelkursen habe er sogar richtigen Erfolg.

Der Prozess findet am 12. Januar um 11.30 Uhr vor dem Amtsgericht an der Goerdelerstraße statt.