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27.02.2012 09:59
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„Caritas-Fusion ein Glücksfall“

Das Gespräch führte Jörn Tüffers

Es vergeht kaum eine Woche ohne Neuigkeiten über das geplante Kinderhospiz im Burgholz. Bleibt da überhaupt noch Zeit für andere Aufgaben?

Christoph Humburg: Es bindet natürlich Kapazitäten. Aber für unser Engagement war Bedingung, dass andere Projekte und Dienste nicht zurückstehen dürfen.

Wie ist der Stand bei der Finanzierung?

Humburg: Wir verfügen aktuell über 3,6 Millionen Euro. Das bedeutet, dass noch 900 000 Euro fehlen. Wenn man bedenkt, dass wir erst vor einem Jahr angefangen haben, Geld zu sammeln, werden wir den Rest auch noch schaffen. Hilfreich waren sowohl große Beträge wie die 1,2 Millionen Euro aus der Jackstädt-Stiftung und die 600 000 Euro von EDE, als auch die vielen kleineren Beträge. Sie kommen aus Solingen, Remscheid und Wuppertal. Das zeigt mir, dass das Kinderhospiz als gemeinsames bergisches Projekt anerkannt wird.

Wie erklären Sie sich die große Spendenbereitschaft?

Humburg: Sie ist in der Tat bemerkenswert. Denn immer noch wird der Tod als Tabuthema behandelt, das Sterben von Kindern besonders. Denn mit ihnen verbindet man das Leben. Den großen Rückhalt führe ich darauf zurück, dass es hier eine besondere Sensibilität gibt, und dass bisher nur neun Kinderhospize in Deutschland existieren. Hilfreich ist sicherlich außerdem, dass wir durch unseren ambulanten Kinderhospiz-Dienst Erfahrungen im Umgang mit schwerstkranken Kindern haben und dass mit der Caritas und der Diakonie zwei große Verbände das Projekt stützen. Das garantiert Spendern eine große Sicherheit.

Wann soll das Hospiz eröffnet werden?

Humburg: Wir sind zuversichtlich, dass wir noch in diesem Jahr den ersten Spatenstich setzen können. Dann könnte die Arbeit Ende 2013 beginnen.

Sie mussten sich im vergangenen Jahr heftiger Kritik erwehren. Im Raum standen Vorwürfe aus dem Caritas-Rat Solingen und Wuppertal, Sie seien unfähig, den 2010 fusionierten Verband zu führen.

Humburg: Es war klar, dass die Fusion an einzelnen Stellen zu Verunsicherung führen würde. Ich hatte immer Verständnis dafür, dass Mitarbeiter beim Thema Fusion Sorge um ihren Arbeitsplatz haben. Deshalb haben wir vorher gesagt, dass es keinen fusionsbedingten Jobabbau geben würde. Und das hat Bestand. Nicht zuletzt deshalb ist in die Mitarbeiterschaft und in unsere Gremien wie die Mitarbeitervertretung oder auch unseren Aufsichtsrat, den Caritas-Rat, längst wieder Ruhe eingekehrt.

Was ist bei Ihnen persönlich hängengeblieben?

Humburg: Der Vorstand hat große Solidarität von vielen Menschen und Institutionen erfahren. Ganz besonders hat mich gefreut, dass Mitarbeiter und Leitungskräfte in Wuppertal und Solingen Briefe verfasst haben, in denen sie uns zur Seite standen.

Ist die Fusion denn auch inhaltlich vollzogen?

Humburg: Wir haben unsere Ziele erreicht, indem wir Angebote besser gestalten können. Das lässt sich am Migrationsdienst veranschaulichen: Früher waren zehn Mitarbeiter dort beschäftigt, heute sind 30 Kollegen mit dem Thema befasst. Ein weiteres Plus: Vertretungsregelungen sind einfacher zu handhaben als früher. Das steigert für unsere Klienten und Partner noch einmal unsere Verlässlichkeit. Ohne die Fusion gäbe es auch die Projekte „Eva“ und „Magdalena“ nicht in Solingen. Als großer Verband können wir aber nun sehr erfolgreich Prostituierten und Frauen, die verschleppt wurden, helfen.

Ist die Türe für die Caritas Remscheid weiter offen?

Humburg: Natürlich! Sie wollte ja nur zu dem Zeitpunkt nicht, als Solingen und Wuppertal zusammengegangen sind. Aber man muss nicht zwangsläufig fusionieren, um gut zusammenzuarbeiten. Das tun wir mit Remscheid bei der Migrationsarbeit, dem Kinderhospiz oder im Katholischen Gefängnisverein. Gerade erst haben wir gemeinsam mit den Remscheidern ein sehr umfangreiches Programm der Seniorenerholung auf die Beine gestellt.

Im August hatten Sie gesagt, die Einrichtung einer Bahnhofsmission dürfe nicht auf die lange Bank geschoben werden. Wie ist der Stand?

Humburg: Wir werden im Juni starten. Ich befinde mich in den letzten Klärungs- und Planungsgesprächen, aber wir sind uns in der Sache einig. Die Diakonie, die Deutsche Bahn, das Jobcenter und das Medimobil sind dabei.

In den vergangenen Tagen haben alkoholisierte Jugendliche wieder Schlagzeilen gemacht. Im Klinikum war eine 15-Jährige mit drei Promille behandelt worden.

Humburg: Dass sich Jugendliche in der Öffentlichkeit derart abschießen, hat viele Gründe. Da ist die Perspektivlosigkeit, die sie in ihren Familien und im Beruf empfinden. Dazu gehört auch, dass die Gesellschaft eine extreme Erfolgsorientiertheit vermittelt und finanzieller Wohlstand einen hohen Stellenwert genießt. Wer von alldem betroffen beziehungsweise ausgeschlossen ist, versucht auszubrechen. Der Alkohol erscheint als eine mögliche Flucht, das Abdriften in extreme Richtungen ist eine andere. Für unsere Arbeit bedeutet dies, dass wir unser Angebot nicht verringern dürfen.

Heimat wollen Salafisten solchen labilen Jugendlichen geben. Wie betrachten Sie die Diskussion um extreme Islamisten in Solingen?

Humburg: Die große gesellschaftliche Positionierung gegen Salafisten begrüße ich, wir haben uns dem Aufruf des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage ja angeschlossen. Für falsch halte ich es, wenn versucht wird, verschiedene Initiativen, die sich gegen Extremisten wenden, auseinanderzudividieren. Es müssen alle gesellschaftlichen Kräfte gebündelt werden, auch städteübergreifend. Die Bündnisse in Solingen, Remscheid und Wuppertal sollten kooperieren.