INTERVIEW Die Ex-Kindergarten-Beauftragte des ev. Kirchenkreises zum Thema Kita-Arbeit.
Das Gespräch führte Susanne Koch
Christel Jüdt wurde am Mittwoch feierlich mit einem Gottesdienst und anschließendem Empfang in ihren Ruhestand verabschiedet. Die Erzieherin und Diplom-Sozialpädagogin startete 1972 ihre Berufslaufbahn in Solingen als Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Cheruskerstraße. 1975 wurde sie zusätzlich Synodalbeauftragte für Kindergartenfragen des evangelischen Kirchenkreises. Seit 1993 erfüllte sie diese Aufgabe hauptamtlich. Das Solinger Tageblatt sprach mit ihr über das große Thema Bildung.
Ganz aufgeregt wird heute über das Thema Bildung diskutiert. Ins Kinderbildungsgesetz ( Kibiz) der alten NRW-Landesregierung wurde ein Bildungsauftrag hineingeschrieben. Wie wirkt das eigentlich auf alte Berufs-Häsinnen wie Sie es sind? Christel Jüdt: Es ist gut, dass die Bedeutung von frühkindlicher Bildung und Förderung inzwischen auch von der Politik und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ernst genommen wird. Der Auftrag zur Bildung war natürlich auch schon im alten Kindergartengesetz von 1972 verankert. Da galten Kindergärten in der öffentlichen Wahrnehmung aber noch mehr als Betreuungsinstitutionen. Als Voraussetzung für weiterführende Diskussionen muss man sich dennoch erst einmal fragen, was Bildung ist und welche Rahmenbedingungen der Bildungsauftrag im Kindergartenalltag braucht.
Und was ist Bildung? Christel Jüdt: Bildung ist weit mehr als nur Wissensvermittlung. Ich habe das Empfinden, dass das heute oft so verstanden wird, als ob man Kinder mit möglichst viel Wissen zuschütten muss und dann glaubt, dass das für die spätere gute Schul- und Berufskarriere ausreicht. Bildung ist immer ganzheitlich zu sehen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie möchten durch ihr eigenes Handeln Erfahrungen machen, aus denen sie eigene Schlüsse ziehen dürfen. Dazu gehören ein anregend gestaltetes Umfeld, das die Kinder zum eigenen Ausprobieren und miteinander leben herausfordert, und Menschen, die Zeit haben, ihr Forschen zu begleiten und ihre Fragen zu beantworten. Seit vielen Jahren schon fordern Fachleute kleinere Gruppen, damit das einzelne Kind auch in seiner Einmaligkeit gesehen und herausgefordert werden kann. Mehr Zeit für das einzelne Kind zu haben, bedeutet aber mehr Personal in den Kindertageseinrichtungen. Und das würde mehr Geld kosten. Und da fängt die Katze an, sich in den Schwanz zu beißen.
Inwiefern? Christel Jüdt: Wenn wir wirklich in unsere Zukunft investieren wollen, müsste die frühkindliche Bildung den höchsten Stellenwert in dieser Gesellschaft haben und entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten. Es gibt Länder in dieser Welt, die sich das leisten. Das heißt, wir brauchen andere Rahmenbedingungen und eine hochqualifizierte, aber auch praktisch orientierte Ausbildung der Pädagogen und damit verbunden auch eine entsprechende Bezahlung. Was würden Sie sich für eine finanzielle Ausstattung der Kitas wünschen? Christel Jüdt: Die Gruppen sollten kleiner werden. Und die Pauschalen, die gezahlt werden, müssten den erforderlichen Bedingungen für eine gute personelle Ausstattung angepasst werden.
Das bedeutet? Christel Jüdt: Mehr Personal, damit genügend Vor- und Nachbereitungszeiten für die Planung und Reflexion der pädagogischen Arbeit zur Verfügung stehen. Pro Mitarbeitenden steht derzeit zeh Prozent der Öffnungszeit als Planungszeit zur Verfügung, das heißt beispielsweise bei 25 Std. zweieinhalb Stunden pro Woche. Und das ist lachhaft, wenn man bedenkt, dass damit die Bildungsherausforderungen für jedes Kind vorbereitet, die Entwicklung der Kinder dokumentiert, Elterngespräche geführt und Elternabende durchgeführt werden sollen. Hinzu kommen die Gespräche mit unterstützenden Institutionen (Beratungsstellen, Logopäden usw.). Besonders heute, wo viele Eltern sehr verunsichert sind, liegt ein großer zeitlicher Schwerpunkt der Erzieher und Erzieherinnen in der Begleitung der Eltern. Dazu müssen eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut und Zeiten für Gespräche angeboten werden. Eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern macht eigentlich gut die Hälfte der pädagogischen Arbeit aus.
Wie passt der Ausbau der Kindertagesstätten für die Unter-Dreijährigen nun in das, was Sie für sinnvoll erachten? Christel Jüdt: Leider wird das Thema immer in Verbindung mit dem Ruf nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf gebracht. Das ist wichtig, aber als einzige politische Forderung, die dahinter steht, wäre es zu wenig, weil es wieder sehr in die Richtung geht, dass die Kinder gut aufgehoben und verwahrt werden. Bildungsarbeit ist aber - wie ich schon betonte - weitaus mehr. Die Erzieherinnen heute haben eine hohe Verantwortung, die sie auch erfüllen. Aber es ist schon ein großer Spagat, der an ihnen zerrt, wenn 20 Kinder in der Gruppe sind und dass im Alter von zwei Jahren bis zum Schuleintritt. Hier ist dringend Veränderung erforderlich.
Bleibt die gute frühkindliche Bildung also eine Vision? Christel Jüdt: Nein, in den Einrichtungen wird schon sehr viel geleistet. Doch die individuelle Bildung eines Kindes setzt bessere Rahmenbedingungen voraus. Wenn wir dahin kommen könnten, dass die einzelnen „Finanztöpfe“ (z. B. für Sprachförderung, das angedachte kostenfreie dritte Kindergartenjahr NRW usw. ) in die Gesamtfinanzierung mit einfließen, so könnte etwa Personalerweiterung finanziert werden. Mehr kontinuierliche Bezugspersonen heißt mehr Zeit für individuelle Begleitung, Gespräche, Beobachtungen und Herausforderungen der Kinder. Eine wichtige Voraussetzung für gelingendes Lernen und damit Bildung.