HIV POSITIV Matthias Gerschwitz will informieren und helfen, Vorurteile abzubauen.
Von Susanne Koch
Im kommenden Jahr feiert Matthias Gerschwitz drei kleine Jubiläen: 20 Jahre Berlin, 20 Jahre Selbstständigkeit und 20 Jahre (Über)-Leben mit HIV positiv. Und er plant wirklich eine Feier; in welchem Umfang, da ist er sich noch nicht schlüssig. Ihm geht es derzeit sehr gut, von den Nebenwirkungen abgesehen, die durch die Einnahme der Pflicht-Medikamente herrühren – manchmal ist er müde und abgeschlagen. Er lacht und sagt: „Inzwischen kann ich meistens alle sechs Kapseln, Pillen und Tabletten auf einmal nehmen.“ Das sei aber nicht leicht, so groß seien die.
Werbung für einen normalen Umgang mit HIV-Positiven
Matthias Gerschwitz hat sich seelisch eingerichtet in dem verletzlichen Bewusstsein, möglicherweise eines Tages an Aids zu erkranken. Er geht offensiv damit um und positiv. Und damit nimmt er auch uns „Negativen“ die Angst, mit ihm umzugehen. „Das ist das, was mir am Herzen liegt“, betont er. „Ich möchte Vorurteile abbauen, für einen normalen Umgang mit Menschen werben, die den HIV-Erreger in sich tragen.“ Vor zwei Jahren erschien sein Buch „Endlich mal was Positives.“ Darin erklärt er uns „Negativen“ die positive Welt. Jetzt, rund um den Welt-Aids-Tag ist er in viele Städte in Deutschland eingeladen, um aus seinem Buch vorzulesen, mit seinen Zuhörern zu diskutieren. Termine mit Lesungen stehen aber auch schon im Kalender 2012. „Am eindrücklichsten ist mir meine Lesung im Jugendgefängnis haften geblieben“, erklärt er. „Mein Auftritt dort durchbrach direkt zwei Tabuthemen, die es im Knast gibt, das Schwulsein und das Aids-Virus.“ Er habe sich gewundert, wie offen und unverkrampft die jugendlichen Häftlinge Fragen gestellt haben. „Ich hatte mit viel mehr Ablehnung und blöden Sprüchen gerechnet.“
Das Wissen um Aids und HIV positiv, um die Gefahr der Ansteckung, um den Verlauf der Krankheit und Heilungschancen, ist bei jungen Menschen heute sehr gering. „Da ist Aufklärung wichtig“, betont er. „Die wenigsten wissen auch, dass durch eine regelmäßige Behandlung der Aids-Erreger so weit verdrängt werden kann, dass dann kaum noch eine Ansteckungsgefahr besteht“, erklärt er. „Und es gibt heute Möglichkeiten, dass infizierte Mütter und auch Väter unter besonderer ärztlicher Aufsicht und Behandlung Kinder bekommen können.“ Der sicherste Schutz vor der Krankheit Aids sei aber immer noch, sich davor zu schützen. „Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist.“ Wer ohne Schutz mit einem fremden Partner Kontakt habe, könne sich hinterher nicht über eine Ansteckung beschweren. Die Rechtsprechung sei in diesem Punkt noch unklar.
Zu Solingen hat der Wahl-Berliner eine sehr gute Beziehung. Sein Buch über die Walder Kirche ist jüngst erschienen.