SERIE Markus Asperger, Direktor am Solinger Amtsgericht, schaute TV-Kollegin Salesch bei der Arbeit zu.
„Bei Gericht gibt es nichts, was es nicht gibt“, sagt Amtsgerichtsdirektor Markus Asperger. Insofern findet er den Fall, den TV-Kollegin Barbara Salesch im Privatsender Sat 1 verhandelt, zwar nicht unrealistisch – aber trotzdem an der Realität vorbei. Salesch ist übrigens keine Schauspielerin. Wie der Sender schreibt, ist die Richterin seit 1999 auf Vorschlag der Präsidentin des Landgerichts Hamburg beurlaubt, um sich der Fernseharbeit zu widmen.
Diesmal geht es um Hochzeitsplanerin Cora (30), die von ihrem Mann Sven (39) betrogen wurde. Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung. Cora soll dem 39-Jährigen einen voll beladenen Gepäckwagen in den Rücken gerammt haben, nachdem sie ihn und seine Geliebte im Hotelzimmer überrascht hat. Deftige Ausdrücke unterhalb der Gürtellinie und Liebesbeteuerungen garnieren die knapp 45-minütige Sendung. Zunächst streitet Cora alles ab, bis sie doch gesteht. Das bringt ihr sieben Monate auf Bewährung ein. Mit einer Paartherapie wollen Cora und Sven ihre angeschlagene Liebe kitten.
Äußerer Rahmen stimmt, aber nicht die Prozessführung
Das Strafmaß und der äußere Rahmen der TV-Verhandlung stimmen durchaus, sagt Asperger, der selbst Betreuungsrichter ist und auch schon als Strafrichter gearbeitet hat. Wie beim „echten“ Gericht werden beispielsweise die Personalien aufgenommen, wird die Anklage verlesen, gibt es das „Letzte Wort“ und das Urteil.
Was der Direktor aber unrealistisch findet: „Die Richterin lässt sich die Prozessführung aus der Hand nehmen.“ Staatsanwalt und Verteidigerin stellten Frage um Frage, ja, sie sprächen sogar Zeugen an, die offiziell nicht mehr dran sind, sondern schon wieder im Publikum sitzen. Das „Rumgequatsche“ werde nicht unterbunden. „In der Realität befragt zunächst der Richter die Zeugen und lässt bestenfalls in Ausnahmen Zwischenfragen zu.“ Erst danach sind die anderen Prozessbeteiligten dran.
Salesch konzentriere sich auch nicht auf das Tatgeschehen. „Man muss herausarbeiten: Wer hat was, wann und wo gesehen?“ Im TV-Gerichtssaal werden stattdessen Eheprobleme und Eifersüchteleien thematisiert, es wird wild spekuliert, warum Cora oder aber die Geliebte zu Furien geworden sein müssen.
„Ich hätte den Geschädigten gefragt, wen er zur Tatzeit gesehen hat“, so Asperger. Wichtige Bemerkungen gehen aus seiner Sicht unter: „Der Staatsanwalt sagt im Nebensatz, dass nur die Fingerabdrücke der Angeklagten auf dem Gepäckwagen sind. Das müsste offiziell in die Beweisaufnahme eingebracht werden.“ Sonst könne man dieses starke Indiz nicht verwerten.
Das urplötzliche Geständnis der Angeklagten werde hingegen nicht hinterfragt. „Eine Aussage wie ,Ich wollte dir doch nicht wehtun’ könnten Verteidiger sicher anders deuten“, so Asperger. Sein Fazit: „Mit der Realität hat die Sendung nur am Rande zu tun.“ In der Sat-1-Rubrik „Comedy & Show“ sei die Gerichtssendung aber gut aufgehoben. cd
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