UNI-VORTRAG Alt-Rektor Prof. Dr. Volker Ronge über Ethik des Journalismus in Russland, in Deutschland und im Zeitalter des Internets.
Von Axel Richter
Landrat hatte er werden wollen. Oder Chefredakteur einer Regionalzeitung in Norddeutschland. „Ich wollte etwas bewegen“, sagt Professor Dr. Volker Ronge. Das tat er letztlich als Politikwissenschaftler, als Soziologe und schließlich als Rektor der Bergischen Universität.
ST VORTRAGSREIHE
Die Medien ließen den Wissenschaftler und Verwaltungsmann gleichwohl nicht ruhen. Und so widmet er sich ihnen bis heute: „Ethik des herrschenden Journalismus“ hat er seinen Vortrag überschrieben – zum „Semesterauftakt“ der gemeinsamen Vortragsreihe von Bergischer Universität und Solinger Tageblatt am Montag im Gründer- und Technologiezentrum am Grünewald (siehe rechts).
Weißrussische Staatsmacht befragt Studenten zu Ronges Vorlesung
Dabei thematisiert der ehemalige Uni-Rektor nicht nur die Medien – inklusive Internet – in Deutschland. Als „Wissenschaftszigeuner“ bittet er seit vielen Jahren zu Sommer- und Winterschulen am Ural und auch im weißrussischen Minsk. Soziologische Themen, Europapolitik und Medienfragen diskutiert er dort – wohl wissend, dass die Machthaber in Weißrussland jede demokratische Bestrebung niederknüppeln lassen und dass seine Studenten befragt werden, worüber sie mit dem Dozenten aus dem Westen diskutiert haben.
Doch Ronge ist kein Protestler, kein Weltverbesserer. „Wandel durch Annäherung“ ist stattdessen ein Motto, dem er sich verpflichtet fühlen könnte. Zudem: „Ich habe große Hochachtung vor einer anderen kulturellen Prägung. Und ich halte nichts davon, die Welt allein nach dem westlichen Muster zu betrachten. Es ist wichtig zu erkennen: Es gibt auch noch etwas anderes.“
Zum Beispiel ein Mediensystem in Russland, das mit Journalismus als vierter Gewalt im Staate nichts zu tun hat. Oder wie anders ist zu erklären, dass die Staatsmedien über Anti-Putin-Proteste nicht berichten? „Es gibt in Russland eine Symbiose zwischen Politik und Medien“, erklärt Ronge. „Das hat seine Legitimität aus der Zeit der Perestroika.“ Die ist Geschichte, die damals begründete Nähe der Medien zu Parteien und Funktionären ist geblieben.
Und was hält der unvollendete Chefredakteur einer norddeutschen Regionalzeitung von den Medien in Deutschland? Volker Ronge ist geprägt von Emil Dovifat, dem Begründer und Altmeister der Journalismusforschung in Deutschland. „Er hat uns beigebracht, den Medien systematisch zu misstrauen.“ Die Grundhaltung resultierte aus den Erfahrungen des Dritten Reiches. „Heute habe ich keine Probleme, das zu glauben, was in der Zeitung steht“, sagt Volker Ronge. „Wir haben ein Mediensystem, das sich wechselseitig kontrolliert.“ Mit anderen Worten: Wer Unsinn schreibt, fällt garantiert auf.