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26.01.2010 09:22
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Wenn Gesichter kniffelige Rätsel sind

Von Alex Hofmann

Das Chatfenster blitzt vor Evas Gesicht auf, etwas unkoordiniert gleiten die Finger über die Tastatur. Enter. Ein hellgrünes „Hallo“ glänzt auf dem Bildschirm, dahinter die Uhrzeit: 22.26 Uhr. Es ist ein Freitagabend. Eva geht nicht auf Parties oder ins Kino, Eva trifft hier in einem selbstgegründeten Chatroom Menschen, die so sind wie sie selbst: Asperger-Autisten. „Meine Woche war laut“, schreibt Eva: „Wegen Weihnachten und Neujahr. Zu viele Menschen.“ Ein dunkelblauer Name pflichtet ihr bei.

Eine Gesellschaft ohne Autisten wäre nicht komplett, sagt Eva

Hier im Chatroom stößt Eva auf Verständnis, doch im realen Leben, da besteht Evas Welt oft aus Rätseln. Wenn Eva leibhaftig mit Menschen spricht, starrt sie manchmal an die Decke, manchmal mustert sie auch die Kacheln am Boden, nur selten aber schaut sie ihrem Gegenüber in die Augen. Denn der Gesichtsausdruck - für die meisten Menschen ein essenzieller Schlüssel zur Kommunikation, ebenso Gestiken - bleiben für Eva unverständlich.

Autismus: In der Vorstellung vieler Menschen steht dieser Begriff als Synonym für den Filmhelden „Rain Man“, der komplizierteste Mathegleichungen löst, aber kaum seine Schuhe binden kann. Hoch begabt, aber lebensunfähig, schüchtern und desinteressiert an der Umwelt. Ganz anders Eva, die in der Schule als lautes Kind galt und ihr Interesse an biologischen Vorgängen entdeckte. Die heute gerne mal einen Freund haben würde, so wie viele ihrer Kommilitoninnen.

Dass sie anders tickt als andere Menschen, fiel Eva immer wieder auf: „Ich bemerke meine Defizite zum Beispiel, wenn ein Mensch etwas ironisch meint, ich nehme fast immer alles ernst. Als Kind habe ich ausgedachte Geschichten von Klassenkameraden auch immer geglaubt, was andere oft zum Mobbing veranlasst hat.“ Die Diagnose Asperger-Autismus war deshalb eine Erleichterung statt ein Schock: „Das war, als ich 17 war. Ich hatte im Internet über Asperger gelesen und konnte mich damit identifizieren.“ Ein Diagnosetest folgte. „Es erklärte so viel für mich.“

Eva begann, sich in Foren zu äußern, stieß in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Seiten wie http://aspies.de auf Gleichgesinnte: „Das Internet ist ideales Medium. Man kann sich austauschen, muss sich aber nicht treffen, man kann entscheiden, wann man spricht und wann nicht.“

Außerhalb der sicheren Netzwelt wirkt Eva auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Biologiestudentin, manchmal etwas konfus, jemand, der Witze als Letzter versteht und Meinungen direkt formuliert, ein bisschen abstrakt denkt. Dahinter versteckt sich die Vorliebe, viele Dinge auf eigenartig wirkende Weise zu tun und am liebsten stets in der gleichen Reihenfolge. „Wenn ich schwimmen gehe, dann schwimme ich in meinem eigenen Schwimmstil, das kann ich dann stundenlang machen.“ Von Wasser umgeben zu sein, das ist eines der schönsten Gefühle für Eva, hier fühlt sie sich frei, losgelöst von der Wirklichkeit, die manchmal so irreal erscheint.

Doch da, wo für viele Menschen die Vorstellung der Welt an der eigens präparierten Realität ein zähes Ende findet, erstrecken sich für Eva Gebiete ungeahnter Fantasie. Ein Waldspaziergang als Herausforderung für die eigenen Sinne, jedes Detail sticht für Eva hervor. Wenn Eva spricht, fällt ihre Tiefgründigkeit und ihre Gründlichkeit auf, mit der sie die Welt erklärt, sie ist perfektionistisch, ambitioniert und auf manche Art kindlich froh. Und auch wenn Evas Welt manchmal komplizierter erscheint, als die der anderen, tauschen würde sie nicht. „Ich habe so viele Stärken. Eine Gesellschaft ohne autistische Menschen wäre nicht komplett.“

http://mein-karl.de