Snippets
Snippets
25.02.2012 10:38
Drucken Vorlesen Senden
Mehr als ein Jahr in Auschwitz überlebt

Von Ariane Jäger

Zehn Tage verbrachten wir, 20 Schüler und vier Lehrer der Gesamtschule Solingen, beim Schüleraustausch in Israel (Karl. berichtete). Wir lebten bei Gastfamilien, die uns herzlich empfingen, in Solingens Partnerstadt Ness Ziona. Eines der bewegendsten Erlebnisse während dieser Zeit war die Begegnung mit Überlebenden des Holocaust.

Wir trafen rund 30 ältere Damen und Herren in einer Seniorenbegegnungsstätte. Sie empfingen uns lächelnd. Unser Lehrer Michael Sandmöller stellte uns ihnen vor. Vor vielen Jahren hatte er das Austauschprojekt Solingen-Ness Ziona mit ins Leben gerufen, neben der Arbeitsgemeinschaft „Jüdischer Friedhof“ an der Gesamtschule Solingen.

Kaum vorstellbar, dass die Menschen, mit denen wir so fröhlich sangen und tanzten und die zu uns so herzlich waren, so viel Schmerzliches in ihrer Jugend erfahren haben. Noch schwerer vorzustellen ist, dass die Erzählungen der Holocaustüberlebenden alle wahr sind.

Heute ist Ita Leiner 84 Jahre alt. Mit zwölf Jahren kam die gebürtige Polin in eines der größten Ghettos, nach Lódz in Polen. Vier Jahre verbrachte sie dort mit ihrer Familie unter unmenschlichen Bedingungen. Sie mussten sich zu acht ein Zimmer teilen. Es gab kaum Nahrung. Sie mussten hart arbeiten, obwohl sie am Ende ihrer Kräfte waren. In den Ghettos waren die Juden von der Außenwelt abgeschnitten. So erfuhren sie nichts über Konzentrationslager und davon, was mit den Menschen passierte, die regelmäßig aus den Ghettos herausgeführt wurden.

„Das war das letzte Mal,
dass ich meinen Vater
gesehen habe.“

Ita Leiner überlebte den Holocaust

1944 wurde auch Ita Leiner mit ihrer Familie abgeholt und nach Auschwitz gebracht. Ihr wurde erzählt, sie bekäme in Deutschland Arbeit, und sie erhoffte sich ein besseres Leben. Die Zugfahrt sei die Hölle gewesen, sagt sie – fünfzig Personen in einem Waggon, kein Platz zu sitzen. Zwei Eimer als Toiletten für die viertägige Fahrt. Zu essen nur ein bisschen Brot. Beim Aussteigen aus dem Zug schrien deutsche Offiziere sie an. Männer mussten auf die eine Seite, Frauen auf die andere. Ita stand mit ihrer kleinen Schwester, der Mutter und ihrer Tante dem Vater und dem Onkel gegenüber. „Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe“, erzählt die Frau traurig. Sie weint.

Damals wusste Ita noch nicht, dass sie kurze Zeit später auch ihre Schwester und ihre Mutter verlieren würde. Den Frauen wurden die Haare abrasiert, ihre Habseligkeiten weggenommen und alle bekamen die gleiche Kleidung – keine Unterwäsche, keine Schuhe. Sie mussten auf Brettern schlafen, auf denen man nicht sitzen konnte, da sie wie Regale eng übereinander befestigt waren.

Mehr als ein Jahr war Ita in Auschwitz, bevor das Lager im Januar 1945 befreit wurde und sie mit 200 Frauen nach Breslau kam. Die Fahrt dauerte zwei Wochen. Dort arbeitete sie in einer Fabrik und webte Stoffe, oft arbeitete sie bis in die Nacht. Sie lebte über der Fabrik in einem winzigen Zimmer mit Frauen.

Eines Tages kam ein Mann und fragte sie, wie sie heiße und woher sie komme. Ita erfuhr, dass ihr Onkel noch lebte und ein Frisörgeschäft hatte. Mit ihrer Tante wanderte sie tagelang, bis sie den Onkel gefunden hatten und trafen noch andere Verwandte der Familie. Ita blieb fünf weitere Jahre in Polen, bis sie mit ihrem Mann 1950 nach Israel kam.

Ita Leiner kann nicht verstehen, warum so etwas Grausames passieren konnte – und wieso es heute immer noch Krieg gibt. Das wird wohl niemand je verstehen können. Deshalb ist das Bündnis zwischen Deutschland und Israel auch so wichtig, damit so etwas nie wieder passiert.

Am Ende des Treffens waren wir nachdenklich und traurig über die Geschichten, die wir gehört hatten. Da war es genau richtig, dass an diesem Tag kein weiteres Programm geplant war.

http://www.mein-karl.de