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03.11.2012 09:34
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Leben hinter Gefängnismauern

Von Raphael Zelter

Gefühlte 50 Türen trennen Marius von der Freiheit. Ich treffe ihn in einem der unzähligen langen Gänge, die irgendwie alle gleich aussehen. Dann gehen wir ins Besucherzimmer. Marius (Name geändert) setzt sich mit entschlossenem Blick in seinen dunklen Augen vor mich hin. Der 21-Jährige wirkt freundlich und ruhig, trägt einen kurzen Bart und gestylte Haare. Ich kann kaum glauben, einen Straftäter in einem Gefängnis vor mir zu haben. Marius spricht bedacht, nimmt sich bei jeder Frage einen Augenblick zum Nachdenken, seine Antworten sind klar.

„Der Fußball ist für mich
das Schönste und
Allerwichtigste hier drin.“

Marius (21) über das Leben im Knast

Marius ist seit über einem Jahr im Gefängnis – genauer gesagt, in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Ronsdorf. Marius hat hier einen vollen Tag. Er wird um sechs Uhr geweckt, geht um acht Uhr zur Arbeit, er reinigt die Flure, mit Mittagessen dauert die Arbeit bis halb vier. Danach gibt es eine Stunde Freigang.

Fast jeden Tag trainiert er intensiv. Denn Marius ist Torwart des Anstaltsteams. „Der Fußball ist für mich das Schönste und Allerwichtigste hier drin“, sagt der Häftling. „Ohne Fußball und die anderen Sportarten wäre ich hier längst eingegangen. Beim Spielen vergisst man alles, man begegnet neuen Gesichtern und kann für 90 Minuten vergessen, dass man im Gefängnis sitzt.“ Seine Worte klingen für mich so, als ob Marius sich fest vorgenommen hat, nie wieder hier drin zu landen.

Er hat große Pläne für die Zeit nach der Haft. Er sagt, er wolle wieder zu seinen Eltern ziehen. Auf jeden Fall werde er mit dem Fußball weitermachen, und er wolle sich um eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker bemühen. Wir kommen auf seine Familie zu sprechen: Es sei der schlimmste Moment in seinem Leben gewesen, als er seiner Familie erzählen musste, dass er ins Gefängnis geht. „Sie waren geschockt und natürlich auch enttäuscht von mir“, sagt Marius und senkt kurz den Blick. Der muskulöse Jugendliche sinkt ein wenig in seinem Stuhl zusammen und wirkt in dem büroartigen Besucherraum verloren.

Auf die Frage, wie sein Verhältnis zur Familie jetzt sei, schaut Marius mich mit leuchtenden Augen an. Sie hätten sich versöhnt. Er habe regen Briefkontakt mit der Familie, seine Angehörigen kommen ihn jede Woche besuchen. Marius weiß, dass er Glück hat. Es gibt Gefangene, die keinen Besuch bekommen – wie der Vollzugsbeamte bestätigt, der mit im Raum sitzt. Marius schreibt auch Briefe an ein Mädchen, mit dem er vorher zusammen war. Jetzt lassen sie die Beziehung ruhen.

In seinem Zimmer (Haftraum) müsse er viel über seine Taten nachdenken, zu denen er nichts sagen will. Zwei Jahre und sieben Monate soll er „sitzen“ – wegen „dem Üblichen eben“: Raub, Körperverletzung, Betrug. Im Rückblick machen seine Straftaten für ihn kaum Sinn. Und er versucht, nicht an „draußen“ zu denken. Obwohl er möglicherweise ein Jahr früher entlassen wird. „Ich kenne keinen, der im Knast nicht geweint hat, mich eingeschlossen“, sagt er.

Denn trotz Sportangebot, Arbeit und dem Kontakt mit den Sozialarbeitern bleibt die JVA ein Gefängnis. Die Häftlinge sind eingesperrt. Das „Eingesperrtsein“ werde er sein Leben lang nicht vergessen, ist sich Marius sicher. Die Strafe zeigt Wirkung.

Die Straftäter lernen in der JVA, selbstständig zu sein, sagt Marius

Marius ist der Meinung, dass die Straftäter in der JVA lernen, selbstständig zu sein. „Bei dem Marathon zum Beispiel konnte jeder mitmachen“, sagt er. „Aber wer sich nirgendwo anmeldet, der sitzt den ganzen Tag auf der Zelle und langweilt sich.“

Vor allem habe er Geduld gelernt, betont der 21-Jährige. Wenn er mal ein paar Tage niedergeschlagen sei, versuche er, den Tag „so voll wie möglich“ zu machen. Manchmal helfe auch schon etwas Luxus „von draußen“ – wie Süßigkeiten. Was würde Marius am Gefängnis ändern? Ein Kraftraum müsse her. Der junge Mann strahlt: „Ich meine, er muss ja nicht für alle sein, sondern halt für die Gefangenen, die sich dafür eignen.“ Also nicht für Gewalttäter.

Als das Interview vorbei ist, nimmt Marius den Energy-Drink – ein kleines Dankeschön für die Interviewzeit – und geht mit schlenderndem Gang vor dem Vollzugsbeamten her. Dabei plaudern die beiden über Fußball, Marius Familie und den Drink. Trotz Marius’ friedlichem Auftreten achtet der Beamte genau darauf, nie vor ihm herzugehen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen mir klar ist, dass Marius kein Unschuldsengel, sondern ein Straftäter ist.

Marius nimmt den Besen in die Hand und beginnt wieder mit der Arbeit. Beim Weggehen lächelt er mir noch einmal freundlich zu. Mir kommen seine Worte in den Sinn: „Wer hier drinnen nicht lernt, sein Leben in die Hand zu nehmen, wird es draußen auch nicht schaffen.“