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      24.11.2009 09:37
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      Auswege aus der Neonazi-Szene

      Von Lilian Muscutt

      „Die Neonazis sind die Lüge meines Lebens, die mich die besten Jahre und die halbe Jugend an Knast gekostet haben.“ Stefan Michael Bar, Ex-Neonazi

      Der 18. Geburtstag findet hinter Gittern statt. Stefan Michael Bar sitzt bereits zum zweiten Mal im Knast. Ein weiterer Aufenthalt folgt wenige Jahre später. Gewalt, Volksverhetzung, darunter die Schändung eines jüdischen Friedhofs, Gründung einer gewaltbereiten „Kameradschaft“, Werbung für die NPD - das sind nur wenige Begriffe, die seine Jugend und Jahre als junger Erwachsener beschreiben. Es sind verlorene Jahre.

      Die Szene bietet keine Kameradschaft - sondern Rivalität und Gewalt

      Doch wie kommt es dazu, dass sich Menschen der rechtsextremistischen Szene anschließen? Und wo gibt es Auswege? Das haben Politik-Studenten der Ruhr-Universität Bochum untersucht (s. Kasten). Sie werteten alle deutschsprachigen Autobiografien von Aussteigern aus und führten Gespräche mit Personen, die jahrelang an der rechtsextremistischen Szene beteiligt waren. Die Ergebnisse dokumentiert ein jetzt veröffentlichter Werkstattbericht. Er soll Anregungen liefern, wie Rechtsextremismus verhindert und der Szene-Ausstieg ermöglicht werden kann.

      WERKSTATTBERICHT UND HILFE FÜR AUSSTEIGER

      DOWNLOAD Werkstattbericht „Ein- und Ausstiegsprozesse von Rechtsextremisten“, veröffentlicht von Innenministerium NRW, Ruhr-Universität Bochum, „Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt“ (ARUG, Braunschweig). Download: www.im.nrw.de/sch/790.htm

      HELPLINE Für Aussteiger, Montag bis Freitag, Tel. (01 80) 3 100 110, www.c@ll-nrw.de

      EXIT Bundesweites Aussteiger-Programm „Exit“, Beratung, Vermittlung und Begleitung für Aussteiger. Kontakt: info@exit-deutschland.de, Tel. (09 00) 123 123 87, Aussteiger erhalten die Kosten erstattet, www.exit-deutschland.de

      HINTERGRUND Informationen zum Thema Rechtsextremismus auf www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

      Beim Einstieg in die Szene spiele „die Suche nach Zugehörigkeit, nach Halt, nach einer Art Ersatzfamilie“ eine große Rolle, erklärt Mitherausgeber Thomas Pfeiffer. Und das unabhängig davon, ob der Rechtsextremist oder die Rechtsextremistin in gewaltbereiten „Kameradschaften“ aktiv ist oder eine führende Funktion in einer Partei ausübt. Das heißt: „Das Wir-Gefühl ist die Werbebotschaft Nummer eins der rechtsextremistischen Szene.“ Eine Lüge, wie Aussteiger erkennen. „Tatsächlich bietet die Szene das Gegenteil von Kameradschaft - Rivalität, zum Teil auch Gewalt in den eigenen Reihen“, erläutert Thomas Pfeiffer. „Die Grundlage des Gruppengefühls sind ausgrenzende und aggressive Botschaften.“ Im Denken und Handeln der Szene ist der einzelne Mensch unbedeutend, im Zentrum stehen „Rasse“ und „Volk“, der Einzelne erfüllt nur eine Funktion in einer von Machtstreben und häufig von Gewalt geprägten Gruppe.

      Was die untersuchten Biografien des Werkstattberichts deutlich machen: Menschen außerhalb der Szene spielten eine entscheide Rolle im Ausstiegsprozess - ob ein Freund, eine Freundin, Eltern, ein Richter, eine Therapeutin oder ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Thomas Pfeiffer: „Es sind Leute, die, ohne sich als die besser Gebildeten, als die Autoritäten darzustellen, klar sagten: Ich lehne deine Ideologie ab. Die aber auch eindeutig das Signal gegeben haben: Ich lehne dich nicht als Mensch ab.“

      „Ohne Hilfe steigt fast niemand aus.“

      Thomas Pfeiffer Mitherausgeber

      Im Fall von Stefan Bar ist es auch der Adoptivvater. Er besucht Stefan Bar nach Jahren eines zerrütteten Verhältnisses im Gefängnis. Stefan Bar schämt sich, die Begegnung geht ihm nah. Ein Denk-Prozess kommt in Gang. Stefan Bar trifft einen Juden und soll über seine Tat - die Schändung eines jüdischen Friedhofs - nachdenken. Das Treffen hat ein Gefängnispfarrer organisiert.

      „Der Ausstieg ist ungemein schwierig und mit Angst verbunden, auch der Angst vor Übergriffen durch die Szene“, betont Thomas Pfeiffer. „Ohne Hilfe steigt fast niemand aus.“ Eine Hürde für den Ausstieg ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben: Der Aussteiger macht sich bewusst, dass sein Lebensstil Menschenverachtung bedeutet. Er ahnt oder weiß, dass er mit allem, was ihn mit der Szene verbindet, brechen muss - ob mit angeblichen Kameraden, Freizeitaktivitäten, mit seiner Musik. Die Angst vor dem „Schwarzen Loch“, sagt ein Aussteiger, habe ihn lange in der rechtsextremistischen Szene gehalten. Ex-Neonazi Stefan Bar verwendet nur noch den Nachnamen seines leiblichen italienischen Vaters: „Stefan Michael Bar ist tot.“

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      Bernd Koch, Solingen 28.11.2009 04:31:04
      Den Bericht über einen Nazi-Aussteiger begrüße ich sehr. Es sollten viel junge Menschen, die in diese Szene reingerutscht sind, davon gebrauch machen. Ja, es ist sehr schwierig, aber es lohnt sich. Sprecht vor allem mit Leuten, die damit Erfahrung haben.Die Nazis sind nicht mehr als arme Menschen, die pol. die Zeit verpennt haben, dennoch aber sehr gefährlich sind. Deshalb kann man jeden Aussteiger nur sehr begrüßen. Bernd Koch auch ich biete mich zu Gesprächen an.